Bank & Umwelt: Frau Dr. Gebhard, was ist die Idee hinter Utopia?

Meike Gebhard: Am besten drückt das der Leitsatz von Utopia aus, der schon seit vielen Jahren existiert: einfach nachhaltiger leben. Es gibt in jedem Konsumbereich bereits nachhaltige Alternativen und die zeigen wir, ganz ohne erhobenen Zeigefinger. Damit sind wir seit elf Jahren sehr erfolgreich.

 

Erreichen Sie vor allem Menschen, die erst damit anfangen, nachhaltiger zu leben?

Ja. Unsere Idee war schon immer, diejenigen zu erreichen, die noch nicht komplett nachhaltig leben. Wir sagen: Fang doch schon mal an. Anders wird die Transformation nicht gelingen. Es gibt vielleicht 1 % der Menschen, die 100 % konsequent nachhaltig leben wollen und auch können. Die breite Masse ist dazu aber nicht bereit. Wenn wir den Klimawandel wirklich stoppen wollen, brauchen wir nicht die 1 % mit dem perfekten Ökostrom, sondern eine Gesellschaft, die komplett auf erneuerbare Energien umsteigt. Es reicht nicht, wenn wenige ausschließlich Biofleisch kaufen, sondern wir müssen insgesamt eine nachhaltigere Tierhaltung etablieren.

Unser Anspruch ist es, auch bei politischen Debatten den positiven Dreh hinzukriegen, sich also beispielsweise nicht nur gegen die Rodung des Hambacher Forsts stark zu machen, sondern gleichzeitig zu zeigen, wie einfach man zu Ökostrom wechseln kann.

 

Wie wichtig ist es, dass möglichst viele mitmachen und ins Handeln kommen?

Ich glaube das ist enorm wichtig. Die Konsumenten müssen mitmachen, aber auch Wirtschaft und Politik müssen ihren Beitrag leisten. Wir dürfen nicht den Fehler machen, die Akteure gegeneinander auszuspielen. Es kann nämlich nicht alles auf den Konsumenten abgewälzt werden. Wenn wir wirklich wollen, dass die Menschen vernünftiges Fleisch kaufen, dann werden wir das nicht allein mit Appellen an das Verantwortungsbewusstsein schaffen, sondern dann brauchen wir eine Gesetzgebung, die nachhaltige Mindeststandards in der Tierhaltung definiert. Dasselbe gilt für die anderen Lebensbereiche mit der größten Hebelwirkung, wie zum Beispiel bei der Mobilität.

 

Es reicht also nicht aus, Menschen einfach nur zu informieren, um ihr Verhalten zu verändern?

Nein. Man darf vor allem aus Nichtverhalten nicht schließen, dass die Leute nicht wollen. Wir haben doch alle erst einmal unseren Alltag zu bewältigen. Wir gehen in die Arbeit, dann warten zuhause vielleicht schon die Kinder und dann müssen wir auf dem Heimweg noch schnell einkaufen – die wenigsten haben Zeit, jede Packung sieben Mal abzuscannen. Wir sind auch nicht alle Umweltwissenschaftler, die diese komplexen ökologischen Zusammenhänge in jede Kaufentscheidung einbeziehen können. Der Verbraucher kann die Transformation nicht alleine bewältigen.

Ein schönes Beispiel hierfür ist das Thema Kleidung. Sagen Sie mal einem Menschen in der Fußgängerzone, dass er sich jetzt bitte nachhaltige Klamotten kaufen soll. Woher soll er denn wissen wie’s geht? Aus der Tatsache, dass nachhaltige Mode einen geringen Marktanteil hat, können wir nicht auf den Unwillen des Verbrauchers schließen. Bei Utopia sehen wir jeden Tag, dass die Leute sehr gerne sinnvoll einkaufen, wenn man ihnen gute Alternativen zeigt und sie diese ganz einfach mit zwei Klicks kaufen können. Ganz besonders beim Thema Mode.

Wir brauchen Mutige,
die jetzt anpacken und
zeigen, dass es geht.

Dr. Meike Gebhard

Promovierte Umweltökonomin

Wie gut schaffen Sie es selbst, nachhaltig zu leben?

Ich bin die typische Utopia-Nutzerin, weil ich weit davon entfernt bin, perfekt zu sein. Ja, mein Auto stößt wenig CO2 aus, meine Wohnung ist klein und energieeffizient und ich kaufe Bio-Lebensmittel ein. Ich versuche weniger Fleisch zu essen und wenn, dann nur Bio. Wo ich wirklich noch besser werden kann, ist beim Fliegen. Ich fliege noch zu viel, weil ich einfach viel unterwegs bin. Ich kompensiere zwar, habe da aber immer weniger Lust drauf und würde lieber viel mehr Bahn fahren. Ich würde mir wünschen, dass die Bahn noch zuverlässiger und attraktiver wird. Auch in Sachen Kleidung bin ich noch nicht gut, da kaufe ich noch überwiegend konventionell ein, achte aber auf Langlebigkeit und Qualität.

 

Haben Sie einen persönlichen Leitsatz? Was treibt Sie an, wenn Sie auf Utopia schauen?

Ich habe es nicht so mit persönlichen Leitsätzen, aber ich finde, es gibt keinen zu kleinen Schritt in die richtige Richtung. Ich mag immer noch unseren Utopia-Slogan „Ich fang dann schon mal an.“ Und bitte: Lasst uns nicht dem, der klein anfängt, gleich mit der Keule eins drüberhauen, nur weil er nicht sofort 100 % perfekt ist. Wenn sich z. B. ein konventioneller Stromanbieter konsequent und glaubwürdig zu einem Ökostromanbieter entwickelt, ist das meines Erachtens genau das, was wir brauchen. Auf diese Unternehmen loszugehen, weil sie von woanders kommen, bringt uns nicht weiter. Denn nach meiner Überzeugung ist Nachhaltigkeit gesellschaftliche Transformation. Und dafür brauchen wir alle.

Wir müssen nachhaltiges Leben freudvoll gestalten, dann passieren die Dinge von alleine. Nachhaltigkeit ist doch eine unglaubliche Innovationschance. Wir reden zu viel über den Verzicht, und zu wenig über spannende neue Ideen und nachhaltige Visionen. Es könnten jetzt völlig neue Konzepte für Mobilität oder Städteplanung entstehen, die Verkehrsmittel sinnvoll kombinieren und Raum für mehr Natur und Miteinander in der Stadt schaffen. Wir brauchen Mutige, die jetzt anpacken und zeigen, dass es geht. Die anderen ziehen dann von alleine nach.

 

Wie bewerten Sie in diesem Kontext die Wichtigkeit von nachhaltigem Banking?

Ich finde grundsätzlich das Thema nachhaltige Geldanlagen extrem spannend, weil es ein Schattendasein führt und gleichzeitig riesiges Potenzial hat. Selbst Menschen, die sich viel mit Nachhaltigkeit beschäftigen, wissen erstaunlich wenig darüber, was mit ihrem Geld auf der Bank passiert. Dabei wird der Bankenmarkt zu 99 % von konventionellen Anbietern beherrscht. Dass es hier echte nachhaltige Alternativen gibt, ist dem Großteil der Bevölkerung überhaupt nicht bewusst. Und vor allem ist noch viel zu wenig bekannt, dass es um die Frage geht, was mit ihrem angelegten Geld – z. B. mit ihrer Altersvorsorge – finanziert wird. Der Hebel ist gigantisch.

In dem Moment, in dem am Finanzmarkt die Strippen anders gezogen werden und Anleger sagen, dass sie in manche Dinge nicht mehr investieren, wird mehr erreicht, als wenn ein Einzelner seinen Stromanbieter wechselt.

Frau Dr. Gebhard, vielen Dank für dieses Gespräch.

Ökostrom nutzen

Mitmach-Tipp von Meike Gebhard

Mit dem Wechsel zu einem Ökostromanbieter bewegen Verbraucher am meisten. Denn je mehr Leute mitmachen, desto schneller wird der Strom aus fossilen Brennstoffen unrentabel und dann sukzessive verschwinden. Anbieter wie Naturstrom, LichtBlick, Greenpeace Energy oder EWS bieten sauberen Strom aus erneuerbaren Energien – vor allem aus Sonnenenergie, Windkraft und Wasserkraft. Keine Ausreden: Wechseln geht so einfach, dass jeder im Handumdrehen seinen ökologischen Fußabdruck optimieren kann.

Geld nachhaltig anlegen

Mitmach-Tipp von Meike Gebhard

Nachhaltige Banken fristen in der öffentlichen Wahrnehmung leider noch ein Schattendasein. Dabei gibt es gerade bei den Finanzdienstleistungen viel ungenutztes Potenzial, um wirklich Großes zu bewegen. Geld regiert die Welt – Geld kann so viel bewegen. Entscheidend ist, dass es zukünftig ausschließlich für nachhaltige Finanzierungen eingesetzt wird. Die teilweise komplexen Zusammenhänge im Bankwesen kennen und verstehen die normal informierten Verbraucher nicht. Hier ist Aufklärungsarbeit nötig! Es ist doch sonnenklar, dass echter Wandel nur funktioniert, wenn unsauber wirtschaftenden Unternehmen schlicht der Geldhahn zugedreht wird.

Weniger Fleisch essen

Mitmach-Tipp von Meike Gebhard

Es muss nicht gleich der komplette Verzicht sein. Aber wir brauchen ein breites Bewusstsein dafür, wie Fleisch aktuell im großen Stil industriell produziert wird – und wo man welches Fleisch zu welchem Preis einkauft. Jeder kann darauf achten, weniger und wenn, dann hochwertiges Fleisch zu konsumieren. Kaufen Sie beim lokalen Metzger, beim regionalen Bauernhof! Wir alle müssen wieder den Wert des Produkts sehen und schätzen. Auch wenn das bedeutet, dass man nicht mehr jeden Tag Fleisch isst. Einfacher Tipp: Verzichten Sie unter der Woche auf Fleisch und lassen Sie stattdessen die Tradition des Sonntagsbratens im Kreis der Familie wieder aufleben.

Gutes länger nutzen

Mitmach-Tipp von Meike Gebhard

Lassen Sie uns wieder mehr darauf achten, was wir kaufen. Fragen Sie sich: Brauche ich das wirklich – und gibt es das auch in langlebig? Gerade bei Kleidung, Haushaltsgeräten oder Möbeln zählt heute immer mehr die „Vergänglichkeit des Produkts“. Schnelle Entwicklungszyklen, kurzfristige Trends und Produkte, die nur noch in Versionen (siehe iPhone) verkauft werden.  Da muss man nicht alles mitmachen. Lieber hochwertige, gute Dinge kaufen und die dann lange nutzen. Auch wenn das im ersten Moment teurer ist. Es sagt ja keiner, dass wir ab jetzt nur noch jahrelang im selben Sackpulli herumlaufen müssen. Aber ein gewisses Bewusstsein für Qualität an sich ist schon nachhaltig.

Mehr teilen, weniger besitzen

Mitmach-Tipp von Meike Gebhard

Wir alle müssen uns davon verabschieden, immer alles besitzen zu müssen. Jeder kann sich da ganz einfach hinterfragen: brauche ich für mein Leben in der Stadt wirklich ein Auto? Oder komme ich mit Carsharing, ÖPNV, E-Roller und Fahrrad nicht sogar besser und günstiger klar? Muss ich mir die Bohrmaschine wirklich kaufen, oder finde ich vielleicht noch ein paar Nachbarn, mit denen ich eine gemeinsam anschaffen kann? Den eigenen Haushalt zu entschlacken ist nicht nur günstiger und nachhaltiger, sondern hat auch eine unheimlich befreiende Wirkung. Leben mit leichtem Gepäck!