Jede Kreditvergabe geht mit der Entscheidung für oder gegen eine nachhaltige Welt einher. Denn es macht sehr wohl einen Unterschied, ob Banken ein fossiles Großkraftwerk, einen Waffenhersteller oder ein ökologisches Studentenwohnheim finanzieren. Während in der Vergangenheit die erwartete Rendite oft die wichtigste Rolle spielte, erhält nun das Thema Nachhaltigkeit einen immer höheren Stellenwert bei Kreditentscheidungen. Dahinter stehen nicht nur altruistische Motive. Vielmehr wird es für die Zukunftsfähigkeit von Banken entscheidend sein, wie sie die mit dem Klimawandel verbundenen Risiken bewerten und die entsprechenden Chancen nutzen.

Alternativlose Nachhaltigkeit

Wenn Kapitalströme gezielt in umweltfreundliche Projekte und Unternehmen gelenkt werden, leisten sie einen wertvollen Beitrag zu einer nachhaltigen Welt. Die konsequente Einbeziehung von ESG-Kriterien (Environmental, Social und Governance) bei der Kreditvergabe ist derzeit nur in der Nische zu beobachten. Angesichts der globalen Herausforderungen, wie der Bekämpfung des Klimawandels und der fortschreitenden Umweltzerstörung, führt zukünftig kein Weg an einer nachhaltigen Kreditvergabe vorbei. Nur durch nachhaltiges, langfristig orientiertes Handeln kann eine lebenswerte Umwelt auch für die nachkommenden Generationen erhalten werden.

Dies gilt gleichermaßen für die Zukunftsfähigkeit der Geschäftsmodelle von Finanzmarktakteuren. Diese sollten sich nicht nur im Interesse ihrer Kunden und Anleger mit nachhaltigen Investitionen befassen, sondern auch im Eigeninteresse. Denn nicht-nachhaltige Investments, wie beispielsweise fossile Energieträger, werden zukünftig zunehmend zu einem Risiko in den Bilanzen. Noch sind die Folgen des Klimawandels und der damit zusammenhängenden wirtschaftlichen Veränderungen nicht abschätzbar. Mittel- bis langfristig wird er die Finanzmärkte jedoch vor neue Herausforderungen stellen. In Anbetracht der zunehmenden Häufigkeit von Extremwetterereignissen ist die Finanzbranche gut beraten, bereits jetzt die Chancen und Risiken des Klimawandels bei der Kreditvergabe stärker zu berücksichtigen.

Klimarisiken sind wirtschaftliche Risiken

Traditionell beziehen Banken bei der Kreditvergabe eine Vielzahl von Risiken ein. Während Zinsänderungs- oder Liquiditätsrisiken bei der Bewertung von Investments eine große Rolle spielen, werden potenzielle Klimarisiken bis dato oftmals unterschätzt und vernachlässigt. Dabei werden diese zunehmend sichtbar. Am offensichtlichsten sind die aus dem Klimawandel resultierenden physischen Risiken. Hierzu gehören beispielsweise Schäden an Gebäuden oder Anlagen durch Extremwetterereignisse. Ebenfalls konnten wir während der Dürre im vergangenen Sommer beobachten, wie veränderte Niederschlagsmuster sich direkt auf die Ertragsfähigkeit der Landwirtschaft auswirken.

Im Zusammenhang mit dem Klimaschutz sind darüber hinaus Transitionsrisiken nicht zu vernachlässigen. Als Beispiel ist hier die Energiewende anzuführen. Durch den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft verschiebt sich bei der Stromerzeugung die Nachfrage von fossilen hin zu erneuerbaren Energieträgern. Dies verändert das Risikoprofil von Investitionen in konventionelle Kraftwerke sowie von Kapitalanlagen in diesem Bereich.

Nicht zuletzt bestehen auch politische Risiken. Prominentes Beispiel hierfür ist die Forderung von diversen Akteuren aus Gesellschaft, Wirtschaft und Politik, eine generelle Besteuerung des Ausstoßes von Kohlenstoffdioxid (CO2) einzuführen. Eine Bepreisung von CO2 würde sich durch höhere Öl- und Gaskosten direkt auf die Wirtschaft sowie, über die Weitergabe von Kosten, auch auf den privaten Sektor auswirken.

Nachhaltigkeitsbanken nutzen diese Chancen

In Deutschland gibt es bereits eine kleine Zahl nachhaltig orientierter Banken, die sich neben den Risiken auch verstärkt mit den Chancen auseinandersetzt, die der Klimawandel mit sich bringt. Bei den Nachhaltigkeitsbanken ist die Beachtung von ESG-Kriterien fest in den jeweiligen Geschäftsmodellen verankert. Daher prüfen sie nicht nur die wirtschaftlichen Verhältnisse der von ihnen finanzierten Projekte und Unternehmen, sondern stellen vielmehr ökologische und soziale Aspekte in den Mittelpunkt der Kreditentscheidung. Sie haben erkannt, dass sich dadurch neue Geschäftsfelder erschließen lassen, beispielsweise in der gezielten Kreditvergabe für Investitionen in umweltfreundliche Technologien. Aber auch in klassischen Geschäftsbereichen, wie beispielsweise der Baufinanzierung, gewinnen Nachhaltigkeitsaspekte an Bedeutung.

Gemeinsamer Einsatz für mehr ökologischen Wohnraum: Matthias Winkler, Leiter der Baufinanzierung bei der UmweltBank, und Dr. Christine Lemaitre, Geschäftsführender Vorstand der DGNB, haben gemeinsam das UmweltRating für die Baufinanzierung entwickelt.

Best-Practice: Baufinanzierungs-Rating bei der UmweltBank

Um soziale und ökologische Aspekte bei der Kreditvergabe noch stärker zu berücksichtigen, hat die UmweltBank gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) im vergangenen Jahr ihr Bewertungssystem für die Finanzierung von Bauvorhaben überarbeitet. Das neue UmweltRating für die Baufinanzierung berücksichtigt verschiedene Nachhaltigkeitsaspekte, anhand derer die UmweltBank die individuellen Kreditkonditionen für nachhaltige Bauvorhaben festlegt. Sie ist damit die erste Bank in Deutschland mit einem Nachhaltigkeitsrating für diesen Bereich, das von der DGNB offiziell anerkannt ist.

Das Bewertungssystem der grünen Bank unterstützt das Ziel, bezahlbaren ökologischen Wohnraum in Deutschland zu schaffen. Die Kriterien sind in zwei Kategorien unterteilt: Zum einen werden bauliche Bedingungen, wie Energetik, Ressourcenschonung und Klimaschutz abgefragt, zum anderen soziale Aspekte, wie Mitverantwortung, Nutzungskonzept und Mobilität. Aber auch Themen wie das Bauen zu Selbstkosten, Wohnen zur Kostenmiete sowie Sozialwohnungen werden berücksichtigt.

Im Kurzinterview haben wir Christine Lemaitre, Geschäftsführenden Vorstand der DGNB, gefragt, warum nachhaltiges Bauen sinnvoll ist.
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Nachhaltigkeit bringt wirtschaftlichen Erfolg

Die UmweltBank vergibt Kredite ausschließlich an ökologisch wertvolle Projekte. Damit lenkt sie Geld in Kanäle, die einen gesellschaftlichen Mehrwert ermöglichen. Das UmweltRating ist ein Beispiel dafür, wie Projekte fair und transparent bewertet und nachhaltige Vorhaben mit günstigen Konditionen gefördert werden können. Dabei bedeutet Nachhaltigkeit weder Renditeverzicht noch bilanzielles Risiko. Im Gegenteil: Die Kreditausfallrate der UmweltBank betrug im Jahr 2018 gerade einmal 0,06 %. Die Aufwand-Ertrag-Relation verdeutlicht mit einer Kennziffer unter 33 %, dass Ökonomie und Ökologie sich optimal ergänzen. Ganz offensichtlich wirken sich Nachhaltigkeitskriterien bei der Kreditvergabe positiv auf die Stabilität und Risikoposition einer Bank aus.

Um die Beziehung zwischen Nachhaltigkeit und Risiko zu untersuchen, haben die Universität Hamburg und der Vermögensverwalter DWS im Jahr 2015 rund 2.000 empirische Untersuchungen ausgewertet. Die bislang umfangreichste Metastudie zum Rendite-Risiko-Profil nachhaltiger Geldanlagen kommt zu dem Ergebnis, dass ein positiver Zusammenhang zwischen der Berücksichtigung von ESG-Kriterien und der Performance von Unternehmen besteht. Somit sind nachhaltig wirtschaftende und gut geführte Firmen attraktive Anlagekandidaten.

Bereits zwei Jahre zuvor untersuchte eine Studie des nachhaltig fokussierten Asset Managers RobecoSAM den Zusammenhang zwischen ausgewählten Nachhaltigkeitskriterien und den Kreditrisiken im Bankensektor. Demnach haben nachhaltig orientierte Banken langfristig tendenziell niedrigere Forderungsausfälle. Dies wiederum wirkt sich positiv auf die Kapitalkosten der Bank und ihre Fähigkeit aus, für die Aktionäre einen attraktiven Ertrag zu erwirtschaften. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass das Nachhaltigkeitsrisiko einer Bank dazu verwendet werden kann, ihr künftiges Kreditrisiko vorherzusagen.

Nachhaltigkeit als gesellschaftliche Forderung

Auch die gesellschaftlichen Erwartungen bezogen auf Nachhaltigkeit steigen zunehmend. So fordern internationale Organisationen eine stärkere Auseinandersetzung der Banken mit ESG-Aspekten bei Kreditvergabe und Geldanlage. Auch Ratingagenturen setzen sich zunehmend mit der Nachhaltigkeitsleistung von Finanzinstituten auseinander. Deren Ergebnisse wiederum finden immer stärkere Beachtung bei Investitionsentscheidungen von Fondsgesellschaften und institutionellen Investoren.

Auch die Bundesregierung setzt sich zunehmend mit den Chancen und Risiken eines nachhaltigen Finanzsystems auseinander. Erst Ende Februar verkündete sie, Deutschland zu einem führenden Sustainable-Finance-Standort ausbauen zu wollen. Das Finanzsystem sollte sich besser früher als später mit den Herausforderungen des Klimawandels auseinandersetzen. Schließlich ist Nachhaltigkeit für Finanzmarktakteure nicht nur eine ethische, sondern auch eine ökonomische, gar existenzielle, Frage.

Dieser Artikel ist bereits unter dem Titel ESG-Kriterien optimieren die Kreditvergabe in der Börsen-Zeitung erschienen.