In der Corona-Krise wächst die Nachfrage nach einem Stück Grün vor der Haustür, auf dem sie frische, gesunde Nahrungsmittel anbauen können. Allein in Berlin stehen rund 15.000 Interessentinnen und Interessenten auf der Warteliste für eine Schrebergarten-Parzelle. Andere Großstädte melden ähnliche Zahlen. Wir stellen einige der vielen Projekte vor, in denen sich Menschen den Traum vom gemeinsamen Obst- und Gemüsegarten in der Stadt erfüllen.

Essbare Städte

Unter dem Motto „essbare Stadt“ haben Andernach, Kassel und andere Kommunen für die Bürger_innen in ihren Parks Obstbäume gepflanzt und Gemüsebeete angelegt. Die Leute dürfen ernten, was dort wächst. Gepflegt werden die Gärten von städtischen Mitarbeitenden oder – in Andernach – von Langzeitarbeitslosen, die so wieder eine sinnvolle Aufgabe haben. Auch in Kassel hat der gemeinnützige Verein „essbare Stadt“ Gemüsegärten für alle angelegt, Nuss- und Obstbäume gesetzt.

Mit 32 Akteuren in zwölf Ländern haben sich die essbaren Städte zum von der EU geförderten internationalen Netzwerk EdibleCity Network zusammengeschlossen. Auf ihrer Website präsentieren sich hier zahlreiche Unternehmen und Initiativen, die ihre jeweiligen Städte und Regionen nachhaltiger und grüner machen. Mundraub.org zum Beispiel zeigt in einer kostenlosen App Orte an, auf denen frei zugängliche Obstbäume wachsen. Wer mag, darf dort frei ernten, solange er oder sie nichts zerstört und für andere etwas übriglässt. Mit dabei ist auch die Transition Town Initiative Oststeiermark als Teil des internationalen Transitiontown-Netzwerks. In fast allen größeren deutschen und österreichischen Städten organisieren die Initiativen Gemeinschaftsgärten, Tauschläden, Repair-Cafés und andere Projekte für ein nachhaltigeres, vernetztes Leben vor Ort.

 

Gemüse kann auf auch Büro-Hochhausdächern wunderbar gedeihen, wie hier in Rotterdam. | Foto: Robert B. Fishman

Permakultur

In Frankfurt am Main haben die „GemüseheldInnen“ gemeinsam mit der Stadt, dem Frankfurter Ernährungsrat und der Studierendenvertretung AStA der Goethe-Universität über die Stadt verteilt Permakulturinseln angelegt. Der Begriff Permakultur setzt sich aus dem Englischen „permanent“ und „agriculture“ zusammen. Das Konzept verzichtet auf den Einsatz von Kunstdünger, Ackergiften und anderen Chemikalien sowie schwere Maschinen. Entwickelt haben es die beiden Australier Bill Mollison und David Holmgren in den 1970er Jahren. Sie beobachten den Boden vor Ort, achten darauf, was dort besonders gut wächst und welche Pflanzen sich gegenseitig beim Gedeihen unterstützen. Holmgren und Mollison beobachteten und analysierten weltweit Landnutzungsformen zum Beispiel bei Naturvölkern, die die Bodenfruchtbarkeit aufbauen und die Artenvielfalt erhöhen. Aus ihren Beobachtungen entstand ein Konzept, die Landwirtschaft nach dem Vorbild natürlicher Ökosysteme zu gestalten. Das Ziel: Bio-Lebensmittel effektiv da produzieren, wo sie gebraucht werden: in der Stadt. So produzieren die Permakulturgärten in Frankfurt nach Angaben der GemüseheldInnen „auf 1000 Quadratmeter genau so viel Ertrag wie ein Hektar biologisch bebauter Boden“.

Gestartet sind die GemüseheldInnen 2019. Inzwischen haben 80 Aktive 14 Beete mit Radieschen, Spinat, Salat und vielen alten Gemüsesorten bepflanzt. Sogar ein Aprikosenbaum gedeiht mitten in Frankfurt.

Urbane Gärten mildern die Folgen der Klimakrise

Urbane Gärten bringen den Bewohner_innen dicht bebauter Städte viele Vorteile: Sie kühlen, speichern und reinigen Wasser, schützen vor Überschwemmungen, schlucken Lärm, binden Schadstoffe wie Feinstaub, schaffen Frischluftschneisen und liefern ohne lange Transportwege verpackungsfreie, gesunde, frische Lebensmittel. Außerdem bieten sie Lebensräume für Insekten und andere bedrohte Tier- und Pflanzenarten. So leisten sie einen Beitrag zum Erhalt der schwindenden Biodiversität. Viele Stadtgärtner_innen züchten ihr Saatgut selbst und erhalten damit Pflanzensorten, die es in der industriellen Monokultur-Landwirtschaft längst nicht mehr gibt.

Selbstwirksamkeit, „Empowerment“ und Gemeinschaft

Monika Egerer erforscht an Technischen Universität München TUM die ökologischen und sozialen Auswirkungen des gemeinschaftlichen Gärtnerns in der Stadt. Allein in Berlin habe sie in den Gemeinschaftsgärten 90 verschiedene Wildbienen-Arten und 355 verschiedene Wildpflanzenarten gefunden – darunter 13, die auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten stehen.

Ihre Umfragen in urbanen Gärten in Berlin und München ergeben ein eindeutiges Bild: Die Menschen genießen die Ruhe, erleben einen Ausgleich zum stressigen Alltag und empfinden das gemeinsame Arbeiten im Garten als wertvolles Gemeinschaftserlebnis. Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie gewinnen viele bei der Gartenarbeit wieder ein Stück Kontrolle über ihr Leben und ihren Alltag, gestalten ihre Zeit sinnvoll produktiv und erleben Selbstwert-stärkende Wirksamkeit ihres Tuns.

In Urbanen Gärten kommen Nachbar_innen zusammen und das Gemeinschaftsgefühl wird gestärkt. | Foto: Robert B. Fishman

Vorteile für die Stadt

Auch die Städte profitieren von den urbanen Gemeinschaftsgärten. Sie sparen Kosten für die Pflege der jeweiligen Grundstücke und stärken die Gesundheit der Nutzer_innen, was anderer Stelle Krankheitskosten verringert. Gefördert wird so auch der soziale Zusammenhalt in der Gemeinde und die lokale Wertschöpfung. Arme Familien, die sich frisches Bio-Gemüse aus dem Laden nicht leisten können, erfahren Entlastung. Untersuchungen belegen, dass Menschen, die selbst Obst und Gemüse anbauen, die Natur und ihre Lebensmittel bewusster wertschätzen und auch mehr auf gesunde Ernährung achten. Die ehrenamtlichen Gärtner_innen schützen Brachflächen vor Vermüllung und Vandalismus und steigern die Aufenthaltsqualität auch für Besucher_innen.

Garten der Integration

Vielerorts leisten die Gemeinschaftsgärten als „interkulturelle Gärten“ auch einen Beitrag zur Integration von Zuwander_innen. Nachbar_innen unterschiedlicher Herkunft säen, pflanzen, jäten und ernten gemeinsam auch über Sprachbarrieren hinweg. Im Idealfall lernen alle voneinander. Die unterschiedlichen Pflanzen und Anbaumethoden bereichern die Artenvielfalt auf dem Grundstück. Nach außen tragen die Gemeinschaftsgärten zu einem positiven Bild der jeweiligen Stadt bei.

Städte müssen einen verlässlichen Rahmen bieten

Damit die Gärten auf Dauer funktionieren, müssen sie gut organisiert sein. Das Leibniz Institut für ökologische Raumentwicklung IOER in Dresden hat verschiedene Urban-Gardening-Konzepte unter anderem in Dresden und München sowie die „Essbaren Städte“ in Kassel und Andernach untersucht. Dauerhaft erfolgreich sind damit Kommunen, die die Bürgerinnen und Bürger an Aufbau, Gestaltung und Betrieb der Gärten beteiligen, das Projekt nachhaltig finanzieren und in den Verwaltungen dafür Verantwortliche benennen. Wichtig ist es auch, örtliche Vereine, Kirchengemeinden und andere kommunale Akteure einzubinden und die Grundstücke dauerhaft vor dem Zugriff von Bau-Investoren zu sichern.

Sind diese Bedingungen erfüllt, können urbane Gärten einen Beitrag zur Verbesserung des Stadtklimas leisten, den Menschen zusätzliche Erholungsräume verschaffen und den sozialen Zusammenhalt stärken.