Die UmweltBank hat 2017 ihr 20-jähriges Gründungsjubiläum gefeiert. Wann ist der Jubeltag der Energiewende?

Fell: Als echten Startpunkt der Energiewende sehe ich das Jahr 2000, mit dem Erlass des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG). Es gab zwar Vorläufer wie das Stromeinspeisungsgesetz von 1991 und auch ­die Forschungsförderung in den 1980er Jahren, die eigentliche Energiewende begann aber mit dem EEG. Wir können das 20-jährige Energiewendejubiläum also nächstes Jahr feiern.

Momentan scheint die Energiewende aber in der Defensive: Die USA sind aus dem Klimaabkommen ausgestiegen, in Bayern gilt die 10H-Regel als Mindest­ab­stand für Windräder zu Wohn­gebäuden und auch in Nordrhein-Westfalen steht Vergleichbares im Koalitionsvertrag.

Göppel: Die erneuerbaren Energien werden sich weiter durchsetzen. Eine Gefahr ist aber, dass die alten, zentralistischen Konzernstrukturen die Bürgerenergie aus dem Markt drängen. Anfangs haben die Energiekonzerne die Energiewende belächelt – und sie damit verschlafen. Jetzt haben sie sich entschlossen, das Geschäft selbst zu übernehmen.

Fell: Global sind die erneuerbaren Energien auf dem Vormarsch, speziell in China, Lateinamerika, aber auch in den USA. Trump wird es nicht schaffen, den Ausbau der Erneuerbaren zurückzudrängen, weil viele Staaten massiv dagegen opponieren. Erst kürzlich haben über 100 Städte in den USA verkündet, künftig zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien setzen zu wollen.

Für den Bürger ist wichtig, was er für die Energieversorgung zahlen muss. Die EEG-Umlage ist 2017 um rund 8 Prozent gestiegen. Sinkt damit die Akzeptanz für die erneuerbaren Energien in der Bevölkerung?

Fell: Die Akzeptanz der Bürger ist weiterhin sehr hoch. Sehr viele haben verstanden, dass die Energiewende aus Gründen des Klimaschutzes und auch der Unabhängigkeit von Importen zwingend ist. Und sie haben erkannt, dass Behauptungen, wonach die erneuerbaren Energien die Energiepreise in die Höhe treiben würden, letztendlich Fake News sind. Der Strompreis ist in den letzten Jahren im Mittel über alle Stromkunden hinweg leicht gesunken. Nur für Haushaltsstromkunden ist er gestiegen. Und das liegt nicht an den erneuerbaren Energien, sondern an einer falschen Gesetzeskonstruktion aus 2009. Es wurde ein Mechanismus beschlossen, der ein starkes Absinken der Börsenstrompreise zur Folge hatte und damit für den rapiden Anstieg der EEG-Umlage sorgte. Diese völlig falsche Konstruktion hätte schon längst geändert werden müssen. Das ist aber politisch nicht gewollt, schließlich will man die Öffentlichkeit im Glauben lassen, Ökostrom sei grundsätzlich teuer.

Göppel: Nur 40 Prozent der EEG-Umlage gehen wirklich an die Erzeuger des erneuerbaren Stroms. 60 Prozent sind andere Kosten, wie die Befreiungen der Industrie oder die gesamten Verwaltungskosten der großen Übertragungsnetzbetreiber.

Fell: Es gibt noch einen ganz wesentlichen Aspekt, der kaum diskutiert wird: Wie hoch wäre denn der Strompreis ohne den Ausbau erneuerbarer Energien? Er wäre deutlich höher. Denn auch das konventionelle Energiesystem kostet Geld, sogar meist mehr als erneuerbare Energien.

Anfangs haben die Energiekonzerne die Energiewende belächelt –
und sie damit verschlafen.

Josef Göppel

Erneuerbare Energie und Elektromobilität können sich gegenseitig befruchten. Aber Elektroautos kommen in Deutschland nur langsam ins Rollen. Wann wird der Stromer den Verbrennungsmotor großflächig ablösen?

Fell: Natürlich macht die Elektromobilität nur Sinn, wenn sie mit reinem Ökostrom betrieben wird. Sie wird aber in Deutschland nicht durch eine stützende Politik kommen. Die Elektromobilität wird durch Unternehmen wie Tesla aus den USA oder BYD aus China, die welt­weit größten Elektromobilhersteller, vorangetrieben. VW, BMW, Daimler und Co. bremsen massiv. Sie bieten zwar ein paar teure Elektromobile an, können aber generell nicht mithalten. Es wird das Ende dieser Automobilkonzerne sein, wenn sie nicht in hoher Geschwindigkeit die Herausforderung annehmen.

Göppel: Ich möchte an der Stelle gern das Gespräch auf einen Punkt bringen, der auch für die Elektromobilität eine Rolle spielt: der Mieterstrom. Die Koalition hat am vorletzten Sitzungstag der Wahlperiode noch ein Mieterstromgesetz verabschiedet. Das bedeutet, dass Mieter den Strom vom Dach des Mietshauses weitgehend abgabenfrei nutzen können. Damit ist der strategische Einstieg in die sogenannte Quartiers­lösung geschafft. Jetzt haben endlich auch die Mieter in den Städten einen direkten Vorteil von den erneuerbaren Energien.

Fell: Das unterstreicht eine ganz zwingende Neuerung, die wir angehen müssen: eine sinnvolle Kombination der Sektoren Elektrizität, Wärmeversorgung und Verkehr. Dafür braucht es politische Anreize, aber die fehlen noch völlig.

Göppel: In der Fachwelt wird momentan diskutiert: Braucht man eine gesetzliche Regelung für die Sektorenkopplung oder sollten wir einen Marktmechanismus in­stallieren, der für die flexiblen Angebote und Verbräuche von Strom viertelstundengenaue Anreize schafft. Dann käme es ganz automatisch dazu, dass
überflüssiger Strom in Wärme und Mobilität fließt und in die Speichertechnik. Es sind vor allem die vier großen Übertragungsnetzbetreiber, die möglichst viel Strom großräumig hin und her fluten lassen möchten. Auch die bayerische Politik macht da einen Kapitalfehler. Durch das Bremsen der Windenergie hält sie die Grunderzeugung von Strom in Bayern zu klein. Das wird sich spätestens 2022 in bitteren Kostenerhöhungen für Bayern bemerkbar machen.

Wir werden starke Kräfte aus der Gesellschaft sehen,
die frustriert sind mit dem,
was in Deutschland und Europa versäumt wird.

Hans-Josef Fell

Was könnte die UmweltBank tun, um die jetzt notwendigen Entwicklungen zu unterstützen?

Fell: Die Bank sollte Kombi-Investitionen ermöglichen, einen dezentralen Mix aus erneuerbaren Quartierslösungen und Einzelobjekten mit 100 Prozent integrativen Lösungen.

Göppel: Ja, jetzt stehen Investitionen an, die Nutzungen von Strom, Mobilität und Wärme kombinieren. Aber in diesen kombinierten Anlagen lässt sich nicht bis auf die letzte Einzelheit genau voraussagen, wie sich die jeweiligen Teile finanziell niederschlagen. Das Herantasten ist der UmweltBank auf den Leib geschrieben. So kann sie erneut Vorreiterin sein.

Es müssen dann aber passende Trägermodelle gefunden werden, damit die juristischen und wirtschaftlichen Aspekte stimmen.

Göppel: Genau deswegen sind Gruppierungen wie Bürgergenossenschaften so wichtig.

Fell: Aber auch mutige, nach vorne denkende Stadtwerke können das machen.

Göppel: Wir werden erleben, dass vor allem viele kleinere Stadtwerke innovative Kombi- und Mieterstrom-Angebote machen und auf diese Art eine neue Kundenbindung erreichen.

Fell: Und wenn es unsere dezentralen Energiever­sorger nicht tun, dann werden Google oder Apple kommen. Wir werden Angebote sehen, bei denen dem Kunden Solaranlage, Elektroauto und Heizung bereitgestellt werden und er dafür eine Flatrate bezahlt. Das ist mit der modernen Technik alles machbar. Und wer da blockiert und glaubt, er müsse noch irgendwo ein Kohlekraftwerk am Laufen halten, der wird völlig unter die Räder kommen.

Göppel: Ich möchte die Diskussion mit einem Vers aus dem Kirchenlied „Geh‘ aus mein Herz und suche Freud“ von Paul Gerhardt aus dem Jahr 1653 beenden. Dort steht der Satz „die Erde decket ihren Leib mit einem grünen Kleide“. Dieses grüne Kleid braucht unser Planet heute nötiger denn je. Auch in der modernen Welt dürfen wir nur die Energie nutzen, die uns von der Sonne täglich zufließt.

Fell: Ich denke, wir werden starke Kräfte aus der Gesellschaft sehen, die frustriert sind mit dem, was in Deutschland und Europa versäumt wird. Eine Lösung könnte sein, dass wir endlich den Klimaschutz in die Verfassung aufnehmen. Wir müssen ihn in das Zentrum unserer Gesetzgebung stellen und sollten dafür eine große Volksbewegung bekommen.

Herr Göppel, Herr Fell, wir danken Ihnen für das wunderbare Gespräch.

Der 1952 geborene Hans-Josef Fell studierte Physik und Sportwissenschaften an der Universität Würzburg und war bis 1998 als Gymnasiallehrer tätig. Von 1998 bis 2013 war er Mitglied des Deutschen Bundestages für Bündnis 90/Die Grünen. Fell ist Autor des Entwurfes zum Erneuerbare-Energien-Gesetz, das 2000 verabschiedet wurde. Auch die Novelle des EEG im Jahr 2004 hat Hans-Josef Fell mitgestaltet.

Josef Göppel, Jahrgang 1950, ist von Beruf Förster. Von 1994 bis 2002 vertrat er den Stimmkreis Ansbach-Süd im Bayerischen Landtag, 2002 wurde Göppel für die CSU in den Deutschen Bundestag gewählt, wo er 2005 mit Wirtschaftsvertretern und Wissenschaftlern das Netzwerk Erneuerbare Energien gründete. Zudem geht auf ihn die parteiübergreifende Initiative Zukunftssalon Umwelt zurück.