Projekt 42! – Bonn

In Bonn gibt es eine große Nachfrage nach kleinen, zentralen und bezahlbaren Wohnungen. Rund 38.000 Studierende suchen hier eine Bleibe, das Studentenwerk stellt aber nur 3.700 Wohnheimplätze zur Verfügung. Eine der Suchenden war auch Katharina Deick. Über die Webseite der Uni Bonn wurde die 19-jährige Lehramtsstudentin auf das „Projekt 42!“ aufmerksam – ein ökologisches Studentenwohnheim. Sie war neugierig und erfuhr bei der Besichtigung, was es mit dem besonderen Konzept auf sich hat: Der benötigte Strom wird fast vollständig über die hauseigene Solaranlage auf dem Dach gewonnen und in Batterien zwischengespeichert. Beheizt wird das Gebäude über eine Kleinstwärmepumpe und bei zusätzlichem Bedarf über eine Fußbodenheizung, die mit Erdwärme betrieben wird. Für Frischluft sorgt eine zentrale Lüftungsanlage mit über 80 Prozent Wärmerückgewinnung, mit der die Zuluft im Winter vorgewärmt wird.

Nachhaltig vom Dach bis zu den Fliesen

Doch damit nicht genug. Beim „Projekt 42!“ handelt es sich um das größte fast vollständig aus Holz gebaute Gebäude in Nordrhein-Westfalen. Das fünfstöckige Holzhaus ist mit Zellulose, also recyceltem und zerkleinertem Zeitungspapier, gedämmt. Eine derartige Dämmung in dieser Dimension ist in Europa einzigartig. Die Mischung aus Naturmaterialien und moderner Technik hat Katharina begeistert: „Ich fand es toll, dass das Haus etwas Besonderes ist und so einen niedrigen Energieverbrauch hat. Das hat mich angesprochen, weil ich so etwas Gutes für die Umwelt tue.“ Wie viel Energie die 32 Bewohner des Hauses insgesamt verbrauchen, sieht jeder im Eingangsbereich des Gebäudes auf einem Bildschirm. Und auch innen ist der Neubau durch und durch nachhaltig. Aus Brandschutzgründen sind die Treppenhäuser aus Beton, aber in Katharinas Ein­zimmerwohnung ist fast alles aus Holz. Vom dunklen Eichenholzparkett über Holzmöbel bis hin zur Massivholzdecke. „Am Anfang konnte man das auch riechen“, berichtet Katharina. Die Fliesen im Bad sind Cradle-
to-Cradle-zertifiziert, also vollständig recycelbar, die Wandfarben sind mineralisch und die WC-Spülung funktioniert mit Regenwasser.

Häuser wie Thermoskannen

Da verwundert es nicht, dass das innovative Gebäude des Architekten Kay Künzel 2017 mit dem „Green Solutions Award“ ausgezeichnet wurde. Der Architekt und Bauingenieur hat mit seinem Unternehmen „raum für architektur“ bereits mehr als 300 Projekte in hoch­energieeffizienter und ökologischer Bauweise realisiert. Er und sein Team bauen Häuser, die durch gute Dämmung und die Vermeidung von Wärmeverlusten keine klassische Gebäudeheizung benötigen – so wie das „Projekt 42!“. Die Idee zu einer solchen Bauweise kam ihm bereits während des Studiums, als er in einem Artikel las, dass man „Häuser wie Thermoskannen“ bauen könnte. Bis heute verfolgt der 44-Jährige diese Philosophie und verbindet moderne Architektur mit natürlichen Materialien und innovativer Technik.

Das Haus ist mit einer Gebäudeautomation ausgestattet, die sämtliche Energieprozesse steuert. Entscheidend ist laut Künzel aber das Zusammenspiel aus Architektur und Nutzerverhalten. „Die Bewohner und das Gebäude müssen optimal als Team zusammenarbeiten“, so der Rheinländer. Im „Projekt 42!“ gibt es einfache Sensoren, die beim Energiesparen helfen: Sie regeln automatisch die Beschattung durch Jalousien, die Temperatur, die Luftqualität, die Beleuchtung und vieles mehr. Die Bewohner erhalten ein Handbuch und sehen jeden Tag auf dem Bildschirm im Eingangsbereich, wie die Energiebilanz des Hauses ist. Dass das einen Effekt auf die Bewohner hat, kann Katharina Deick bestätigen. „Dadurch dass ich in so einem nachhaltigen Haus wohne, achte ich viel mehr auf den eigenen Energieverbrauch“, sagt die Studentin.

Durch die energetische Sanierung konnten die Verbrauchswerte in Schlachtensee um rund 50 Prozent gesenkt werden. Die Grundrisse der Wohnungen wurden an die Bedürfnisse der Studierenden angepasst. | Foto: Hannes Jung

Studentendorf Schlachtensee – Berlin

Dass es bezahlbare und energieeffiziente Studentenwohnungen auch in Altbauten gibt, beweist das Studentendorf in Schlachtensee in Berlin. Das Dorf im gehobenen Wohnbezirk Steglitz-Zehlendorf besteht aus 28 Wohn- und Gemeinschaftshäusern. Idyllisch und ruhig ist es dort, kleine Wege verlaufen zwischen den einzelnen Häusern, gesäumt von Bäumen. Hier wohnen mehr als 900 Studierende aus fast hundert Ländern. Sie leben, lernen und feiern dort – und das bereits seit 1959. Damals war das Studentendorf ein Geschenk der amerikanischen Regierung an Westberlin, um die junge Elite der Bundesrepublik zur Demokratie zu erziehen. Dass dort eine selbstbewusste Bewohnerschaft herangewachsen ist, zeigte sich spätestens Ende der 90er-Jahre als das Studentendorf abgerissen werden sollte. Es formierte sich sofort eine „Anti-Abriss-­Kampf-Bewegung“. 2002 wurde dann eine Genossenschaft gegründet, die das Studentendorf erwarb und ab 2006 die denkmalgerechte Sanierung anging.

Bude im Kulturdenkmal

Von der Erneuerung des Kulturdenkmals profitiert auch Andrey Trofimov. Der gebürtige Russe kam vor einem Jahr nach Berlin, um dort seinen Master in Finance & Accounting zu machen. Zunächst bezog der 22-Jährige eine kleine Bude von gut zehn Quadratmetern und teilte sich Bad und Küche mit sieben Mitbewohnern. Mittlerweile hat er eine Einzimmerwohnung in einem sanierten Haus bezogen. Die Architektur der Gebäude faszinierte ihn von Anfang an. „Die Gebäude sehen sehr modern aus und ich dachte, dass sie neu gebaut wurden. Als ich hörte, dass sie mehr als 50 Jahre alt sind, war ich beeindruckt“, sagt Andrey.

Auch Anastasiia Bodnaruk lebt gerne im Studentendorf. Sie kam vor drei Jahren nach Berlin, um an der Freien Universität Jura zu studieren. Ein Bekannter empfahl ihr das Studentendorf und so bezog die 21-Jährige ihre Bleibe in einem unrenovierten Haus. In einem halben Jahr müssen sie und bis zu 200 andere Bewohner ausziehen, da nun auch die nicht denkmalgeschützten Wohnhäuser aus den 70er-Jahren saniert werden. Das bedauert Anastasiia, die aus der Ukraine stammt, sehr. „Hier leben viele Studenten aus der ganzen Welt. Meine besten Freunde habe ich hier gefunden – auch wenn viele mittlerweile ausgezogen sind“, erzählt sie.

Der Club A18 – Treffpunkt und Partylocation im Studentendorf Schlachtensee | Foto: Hannes Jung

Küchenmöbel unter Denkmalschutz

Die Sanierung eines Denkmals bringt verschiedene Herausforderungen mit sich. Davon kann Andreas Barz, Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft, berichten: „Im Studentendorf Schlachtensee sind die Häuser der 50er-Jahre vollumfänglich denkmalgeschützt, das heißt, dass auch die Einbaumöbel und die Küchen dem Schutz unterliegen. Darüber hinaus sollen Eingriffe zur Verbesserung der Energiebilanz nicht sichtbar sein. Das ist bei so einer filigranen Architektur wie in Schlachtensee nicht ganz einfach.“ Der gelernte Stadtplaner kam 2001 zum Studentendorf und engagierte sich ehrenamtlich in der Initiative zur Erhaltung des Dorfs. Das Projekt begeisterte ihn so sehr, dass er zunächst Mitglied im Aufsichtsrat wurde und seit 2004 Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft ist.

Durch die energetische Sanierung und Modernisierung konnten der Energie-, Wasser- und Wärmeverbrauch in Schlachtensee deutlich gesenkt werden – insgesamt um 50 Prozent. Dazu tragen beispielsweise neue Fenster, eine Innendämmung und ein modernes Lüftungssystem bei. Bereits 2012 wurde ein Blockheizkraftwerk auf dem Gelände installiert, das das ganze Dorf mit Wärme versorgt. Darüber hinaus wurden die Grundrisse der Wohnungen an die Bedürfnisse junger Menschen von heute angepasst. Die Größe der Buden ist zwar gleich geblieben, aber es gibt jetzt mehr Bäder und die ursprünglich sehr kleinen Teeküchen wurden vergrößert. Zusätzlich haben die Planer die ehemaligen Tutorenwohnungen zu Einzelapartments umbauen lassen. In genau so einem Apartment wohnt jetzt Andrey.

Für die gelungene Modernisierung wurde das Studentendorf mehrfach ausgezeichnet. Am Wochenende gibt es Führungen durch das Dorf und hin und wieder kommen auch ehemalige Bewohner zu Besuch. Das Studentendorf hat noch mehr zu bieten als Buden und die Lage im Grünen. Die Studierenden können sich in die „Learning Lounge“ zurückziehen, im Musikraum proben, im Fitnessstudio trainieren oder sich im Club A18 treffen. Der Club ist eine Institution im Dorf und existiert schon seit den Anfangszeiten – damals noch als Theater. Heute ist er tagsüber Treffpunkt und Café und abends Veranstaltungsort und Partylocation. „Ich liebe den Club und bin ständig dort. Entweder zum Kaffee trinken und Freunde treffen oder abends zum Tanzen“, berichtet Anastasiia begeistert. Die Veranstaltungen werden seit den 70er-Jahren von den Studierenden organisiert. Die junge Studentin war selbst ein Jahr Mitglied in dem ehrenamtlichen Eventteam.

Kita, Künstlerhaus und Flüchtlingsheim

Auf dem Gelände gibt es noch weitere Gemeinschaftseinrichtungen wie eine Kita, ein Künstlerhaus und seit 2016 ein Flüchtlingswohnheim, in dem 24 männliche unbegleitete minderjährige Flüchtlinge leben. Das Wohnheim soll zunächst nur bis 2020 bestehen, denn die Flüchtlinge sollen möglichst schnell in bereits existierende Stadtquartiere integriert werden. Mit der Erneuerung der vier nicht denkmal­geschützten Häuser bis 2020 werden weitere Gemeinschaftsbereiche hinzukommen: So sind Dachterrassen, eine Sommerküche und Urban Gardening geplant.

  • Karl-Frowein-Straße 4, Bonn
  • 32 teilmöblierte, barrierefreie Apartments
  • KfW-Effizienzhaus 40 Plus
  • Fertigstellung und Erstbezug im April 2017
  • ausschließlich ökologische Materialien
  • All-inclusive-Miete (mit allen Nebenkosten, WLAN, TV);
    Einzimmerwohnung mit 26 m2 ab 551 € pro Monat

  • Wasgensteig 75, Berlin
  • 28 Wohnhäuser für ca. 930 Studierende
  • KfW-Effizienzhaus Denkmal
  • Sanierung von 2006 bis 2024
  • All-inclusive-Miete (mit Nebenkosten und WLAN); teilmöblierte Buden (10 bis 13 m2)
    mit gemeinsamem Bad und Küche 290 bis 385 € pro Monat, Einzel­apartments für 475 €

  • Landgrabenstraße 78, Nürnberg
  • Vier Vierer-WGs und eine rollstuhlgerechte Zweier-WG; teilmöbliert
  • KfW-Effizienzhaus 55
  • Fertigstellung und Erstbezug im Herbst 2018
  • Fahrradstellplätze, Waschküche
  • gemeinschaftliche Dachterrasse
  • All-inclusive-Miete (mit Nebenkosten und WLAN);
    Zimmer mit gemeinsamem Bad und gemeinsamer Wohnküche
    für 373 bis 550 € pro Monat

Ein bezahlbares Zuhause für Studierende

Eine Bude im Studentendorf kostet pro Monat zwischen 290 und 385 Euro inklusive Nebenkosten und WLAN – abhängig davon, ob man in einem renovierten oder unsanierten Haus wohnt. Nach der Modernisierung werden die meisten Zimmer eine Miete von circa 400 Euro haben. Um jedoch auch ein paar Wohnungen zu einem günstigeren Preis anbieten zu können, wird in einigen Häusern nur die Hülle energetisch erneuert und die Bäder werden modernisiert. „Bezahlbarer studentischer Wohnraum für Menschen mit kleinem und mittlerem Einkommen ist uns ein großes Anliegen“, bestätigt ­Andreas Barz. So plant die Genossenschaft bereits ­weitere Projekte, um Studierenden in Berlin eine bezahlbare Bleibe zu bieten. „Vor allem für internationale Studierende mit geringen Orts- und Sprachkenntnissen ist die Lage katastrophal und die Wohnungs­suche besonders schwer“, berichtet Barz.

Andrey und Anastasiia sind glücklich und dankbar, dass sie in Schlachtensee ein Zuhause gefunden haben. Für Andrey bietet das Wohnprojekt genau die richtige Mischung: „Ich würde das Studentendorf jedem empfehlen. Hier ist es wie auf dem Dorf, dabei lebt man in einer pulsierenden Großstadt. Es ist ruhig, es gibt nette Leute und viele Veranstaltungen mit Studierenden aus der ganzen Welt. Ich finde es perfekt.“

WohnGut 78 – Nürnberg

Lange gab es in vielen deutschen Städten noch Brachen, die seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr bebaut worden sind. Doch in Zeiten knappen Wohnraums werden unbebaute Grundstücke immer seltener und wecken viele Begehrlichkeiten. In der Nürnberger Südstadt gab es bis 2107 so eine „handtuchgroße“ Fläche. Der Humanistische Verband Bayern, kurz HVD Bayern, erkannte das Potenzial der Baulücke und baute dort ein Studentenwohnheim. „Wohnraum für Studierende ist begrenzt und das wird sich in Nürnberg auch nicht so schnell ändern. Wir wollten etwas machen, das zum einen diesen sozialen Bedarf trifft und zum anderen etwas Besonderes ist“, berichtet Michael Bauer, Vorstand des HVD Bayern.

Der HVD Bayern ist eine humanistische Weltanschauungsgemeinschaft, die 1848 gegründet wurde. In ­Bayern gehören dieser Interessenvertretung nicht religiöser Menschen circa 2.100 Mitglieder an. Ziel des HVD Bayern ist es, Projekte und Einrichtungen zu verwirklichen, die Menschen nützen. So betreibt der Verband vor allem Kitas und Schulen, das heißt pädagogische Einrichtungen. „Wir möchten uns nun auch weitere Bereiche erschließen. Das Studentenwohnheim ist ein Projekt in diese Richtung. Hier sammeln wir erst mal Erfahrungen, aber dann können wir uns vorstellen, weitere Projekte im studentischen Wohnen oder auch im Seniorenwohnen umzusetzen“, erläutert Bauer die weiteren Pläne des Verbands.

Das Besondere am „WohnGut 78“, wie das Wohnheim heißt, ist sein WG-Charakter. Die Studierenden wohnen hier nicht in abgeschlossenen Apartments nebeneinander, sondern pro Etage in einer WG. Insgesamt gibt es vier Vierer-WGs und eine barrierefreie Zweier-WG im Erdgeschoss. 18 Studierende haben hier ein eigenes Zimmer, teilweise sogar mit Balkon. Wohnküche und Bad teilen sie sich mit ihren Mitbewohnern. Zusätzlich gibt es eine gemeinschaftliche Dach­terrasse. „Es sind nicht einfach nur eine Reihe von Studentenapartments, hier geht es auch um das soziale Zusammenleben“, erklärt Bauer das Konzept. Die Bewohner bezahlen eine pauschale Miete, in der die Betriebs­kosten und das WLAN bereits enthalten sind – je nach Zimmergröße liegt diese zwischen 373 und 550 Euro pro Monat.

Den ökologischen Fußabdruck verbessern

Auch bei diesem neu gebauten Studentenwohnheim spielt die Energieeffizienz eine Rolle. Auf der Dachterrasse befindet sich eine Solarthermieanlage zur Wärmegewinnung, geheizt wird mit einer Luft-Wasser-Wärme-Pumpe. Außerdem tragen eine gute Dämmung und Wärmerückgewinnung zum geringen Energieverbrauch des Gebäudes bei. „Wir versuchen nach Möglichkeit, bei allen Bauprojekten ökologische Aspekte zu berücksichtigen, da das sowohl verantwortungsvoll als auch ökonomisch richtig ist“, bekräftigt Bauer das Vorgehen. Er ist sich sicher, dass auch die Studierenden es zu schätzen wissen, dass sie in einem modernen Gebäude wohnen und dadurch mit ihrem ökologischen Fußabdruck nicht so eine starke Belastung für die Umwelt sind.

Ob Nürnberg, Berlin oder Bonn – die drei Studentenwohnheime zeigen, wie Leben und Lernen heute gehen kann. Statt in die Jahre gekommenen Altbau bieten sie modernen Wohnkomfort und nachhaltige Energiekonzepte. Die UmweltBank finanzierte den Bau beziehungsweise die Sanierung dieser drei Projekte, um Studierenden an verschiedenen Orten in Deutschland ein bezahlbares Zuhause zu bieten.