Frau Horn, bevor Sie vor zehn Jahren die Leitung der Neumarkter Lammsbräu übernommen haben, lag die Führung der Brauerei sechs Generationen lang in Familienhand. Warum wurde die Stelle damals extern mit Ihnen besetzt?

Susanne Horn: Ich glaube, es ist ein echter Beweis für das nachhaltige Denken der Familie Ehrnsperger, dass es mich gibt. Herr Dr. Ehrnsperger ging damals auf die 65 zu und glaubte, er habe nicht mehr die innovative Kraft, die es braucht, um ein Unternehmen zu führen. Gleichzeitig wollte er aber die nächste Generation in der Familie nicht unter Druck setzen, schnell mit Schule und Studium fertig zu werden. So entschied er sich, jemanden zu suchen, der das Unternehmen zwischenzeitlich im Sinne der Familie weiterführt.

 

Die Wahl fiel auf Sie, obwohl Sie bis dahin keine Erfahrungen in der Braubranche hatten und als Chefin einer Brauerei eine Ausnahmeerscheinung waren.

Susanne Horn: Das zeigt hervorragend die Art und Weise, wie wir bei uns in der Lammsbräu miteinander umgehen. Der Mensch ist uns wichtig und dass er mit seinen Werten zu uns passt. Wenn wir einen Mitarbeiter für das Sudhaus suchen, dann muss er selbstverständlich Bier brauen können. Aber uns ist gleicher­maßen wichtig, dass unsere Mitarbeiter unsere Werte teilen und unsere Philosophie im Alltag umsetzen.

 

Wie haben die Mitarbeiter reagiert?

Susanne Horn: Die Mitarbeiter haben es mir immer leicht gemacht. Ich bin ein sehr offener Mensch und habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich von dem, was die Leute hier machen, keine Ahnung habe. Ich habe darum gebeten, dass ich hier lernen darf, und das haben die Mitarbeiter akzeptiert.

Anfang 2019 übernimmt Johannes Ehrnsperger die Geschäftsführung. War es klar, dass dieser Tag kommen würde?

Johannes Ehrnsperger: Wir sind ein klassisches Familienunternehmen und von daher war für mich immer klar, dass ich diese Tradition weiter fortführen möchte. Ich glaube, es ist für ein Unternehmen wie die Lammsbrauerei wichtig, dass eine lange Familientradition erkennbar ist. Das gibt Sicherheit – auch im Hinblick auf die Zukunft des Unternehmens.

 

Führung bringt enorme Verantwortung mit sich. Ist sie vielleicht sogar eine Belastung?

Johannes Ehrnsperger: Eine Belastung würde ich das nicht nennen. Ich habe die besten Voraussetzungen, um gut starten zu können. Dank Frau Horn hatte ich jetzt zehn Jahre die Gelegenheit, mich ausführlich ausbilden zu lassen und in der Praxis Erfahrungen zu sammeln. Auch wirtschaftlich ist die Brauerei sehr gut aufgestellt und hat hervorragende Mitarbeiter. Das gibt mir Sicherheit und Unterstützung.

 

Ihr Vater hat über 30 Jahre lang die Neumarkter Lammsbräu geleitet. Jetzt übernehmen Sie mit 28 Jahren die Geschäftsführung. Möchte Ihr Vater jetzt wieder mitreden?

Johannes Ehrnsperger: Er hat natürlich immer ein offenes Ohr, aber er mischt sich nicht ein.

Susanne Horn: Herr Dr. Ehrnsperger ist ein Mann, der Wort hält und der immer zu unseren Vereinbarungen gestanden hat. Er hat mir versprochen, dass er sich nicht einmischt. Trotzdem war er immer für mich da. Wir diskutieren regelmäßig.

 

Herr Ehrnsperger, was wollen Sie ändern?

Johannes Ehrnsperger: Das ist eine gute Frage. Der Weg, den wir in den vergangenen zehn Jahren gegangen sind, hat gezeigt, dass wir mit dem, was wir tun, sehr erfolgreich sind. Deswegen gibt es für mich auch keine große Veranlassung, Weichen in komplett andere Richtungen zu stellen. Ich bin seit 1. Februar 2018 hier im Unternehmen in der Geschäftsleitung tätig. Momentan lerne ich das Unternehmen noch Stück für Stück kennen. Natürlich werde ich in den kommenden Jahren Entwicklungen, die ich für nötig erachte, einleiten und gewisse Veränderungen vorantreiben. An der Grundphilosophie unseres Unternehmens werde ich sicherlich nichts ändern.

 

Viele Menschen glauben, dass das Reinheitsgebot für Bio-Bier steht. Das ist ganz und gar nicht der Fall.

Susanne Horn

 

Lammsbräu trinkt man inzwischen auch in den Szenebars in München, Hamburg und Berlin. Ist Lammsbräu eine Trend- oder eine Bio-Marke?

Susanne Horn: Das ist eine Frage, die wir uns auch oft stellen. Eigentlich ist sie einfach zu beantworten: Wir sind eine Bio-Marke mit hoher Beständigkeit. Szenemarke heißt für mich kurzlebig und dem Trend angepasst. Das sind wir definitiv nicht. Aber der Markt hat sich stark weiter­entwickelt. In meiner Jugendzeit war die Bio-Branche sehr klischeebehaftet. Die Ökos hatten ihren Ruf weg. Wenn das Image so geblieben wäre, dann wären wir heute nicht da, wo wir jetzt sind. Du darfst deine Grundwerte nicht aufgeben, aber deswegen kannst du ja trotzdem trendig und modern unterwegs sein.

Johannes Ehrns­perger: In der Vergangenheit hat uns zum einen immer die Familientradition ausgezeichnet, zum anderen aber auch dieses Vorausschauen in die Zukunft. Dementsprechend sind wir am Markt auch aufgetreten.

 

Ihr Bier ist eher traditionell. Aber Ihre Limo „now“ ist schon frecher.

Susanne Horn: Das war die erste echte Auseinandersetzung, die ich mit Herrn Dr. Ehrnsperger hatte. Damals war ich gerade einmal ein knappes Dreivierteljahr bei der Lammsbräu, als wir die Idee für die Limo hatten. Als wir ihm das Konzept vorgestellt haben, saß er da und sagte: „Das ist ein Wagnis. Aber wenn du meinst, dass das gut wird, dann mach das mal.“ Sein Vertrauen hat sich gelohnt, denn mit „now“ sind wir sehr erfolgreich. Aber auch beim Bier sind wir moderner geworden und haben mit einer Tradition gebrochen. Dieses Jahr haben wir zum ersten Mal ein Biermischgetränk auf den Markt gebracht. Wir haben alkoholfreie Weiße und Grapefruit gemischt und bedienen damit auch ein Trendthema.

 

Bio scheint sich in der Braubranche noch nicht wirklich etabliert zu haben. Warum?

Susanne Horn: Das Reinheitsgebot spielt dabei eine große Rolle. Viele Menschen glauben tatsächlich immer noch, dass das Reinheitsgebot für Bio-Bier steht. Das ist ganz und gar nicht der Fall. Das Reinheitsgebot regelt, welche Zutaten in einem Bier enthalten sein dürfen, aber natürlich nicht, in welchem Zustand diese Zutaten sind. Ich erkläre das oft am Beispiel einer Tomate. Das Reinheitsgebot würde in diesem Fall bedeuten, dass in einem Tomatenketchup nur Tomaten enthalten sein dürfen. Aber wenn ich einen Bio-Ketchup kaufe, dann, weil ich sicher sein will, dass dort Bio-Tomaten verarbeitet werden. So ist es beim Bier auch. Es dauert lange, bis das den Verbrauchern klar wird.

Susanne Horn, Jürgen Koppmann (UmweltBank), Johannes Ehrnsperger und Oliver Patzsch (UmweltBank) beim Testen des Bio-Hopfens (von links nach rechts). | Foto: Neumarkter Lammsbräu

Seit 2002 fördern Sie durch Ihren Nachhaltigkeitspreis zukunftsweisende Projekte und Ideen. Was steckt dahinter?

Johannes Ehrnsperger: 2001 hat mein Vater den Deutschen Umweltpreis gewonnen. Mit dem Preisgeld kaufte er eine neue Flaschenwaschanlage, die deutlich effizienter und somit sparsamer arbeitet. Mit den daraus resultierenden Einsparungen wollte er andere Menschen und Organisationen, die sich für die Nachhaltigkeit einsetzen, würdigen und ihnen eine Plattform bieten. So ist unser Nachhaltigkeitspreis entstanden, der mittlerweile in Deutschland zu einem renommierten Preis in der Nachhaltigkeitsbranche geworden ist.

 

Was sind für Sie die Herausforderungen der Zukunft?

Susanne Horn: Als große Herausforderung für alle Unternehmen betrachten wir das Thema Mitarbeiter. Es reicht uns nicht, wenn Mitarbeiter die fachlichen Anforderungen erfüllen. Sie sollen im Idealfall unsere Werte und unsere Philosophie teilen und gemeinsam mit uns das Unternehmen noch nachhaltiger gestalten. Außerdem werden die Rohstoffe für ein Bio-Unternehmen immer eine Herausforderung bleiben. Wir wollen auch zukünftig 100 Prozent der Rohstoffe von unserer regionalen Erzeugergemeinschaft beziehen. Das wird in den nächsten Jahren durch die Klimaveränderung immer schwieriger. Ich bin mir nicht sicher, ob wir in zehn Jahren in der Oberpfalz noch Braugerste anbauen können. Die Winter werden immer kürzer. Der Boden kann nicht mehr genügend Feuchtigkeit speichern, um die Pflanzen über die längeren Trockenphasen mit Wasser zu versorgen. Auch dieses Jahr hatten unsere Landwirte schon Ernteeinbußen, selbst wenn sie nicht so stark von der Dürre des Sommers betroffen waren wie die konventionelle Landwirtschaft.

 

Ihr wichtigster Rohstoff ist Wasser. Was ist eigentlich das Besondere an Ihrem Bio-Mineralwasser?

Johannes Ehrnsperger: Wenn das Wasser aus einer Region kommt, in der viel gedüngt wird, sind darin oft Pestizid- oder Metabolitrückstände enthalten. Derzeit ist die Wasserqualität in Deutschland noch sehr gut. Bio-Mineralwasser will die ursprüngliche Reinheit und die hohe Wasserqualität auch für zukünftige Generationen erhalten. Das geht nur, indem wir nichts auf die Erde geben, was nicht später in unserem Wasser enthalten sein soll. Hier spielt der ökologische Landbau eine wichtige Rolle. Aber es muss auch ein allgemeines Interesse sein, jede Quelle vor Verunreinigungen zu schützen.

Susanne Horn: Wir wollen mit unserem Bio-Mineralwasser dazu beitragen, dass die Landwirtschaft irgendwann einmal zu 100 Prozent ökologisch wirtschaften wird. Manche Menschen betrachten das Bio-Mineralwasser als Marketing-Gag. Doch Bio-Mineralwasser erfüllt deutlich strengere Vorgaben als gesetzlich vorgegeben. Das muss man im größeren Kontext sehen. Wir verwenden das Wasser ja auch in unseren Limonaden und im Bier – es ist unser wichtigster Rohstoff. Auch wenn die
Brauer es nicht so gerne hören: Bier ist zu nennenswerten Teilen aus Wasser.

 

Vielen Dank für das interessante Gespräch.