Fünf Tage lang hielt sich Johann Wolfgang von Goethe im Sommer 1785 in der oberfränkischen Kleinstadt Wunsiedel auf, um sich wissenschaftlichen Studien zu widmen. Der Dichter beschäftigte sich Zeit seines Lebens intensiv mit Fragen der Natur und Technik. Gut möglich, dass Goethe, würde er heute leben, bei einer Reise in die Region auch einen Abstecher zu Marco Krasser gemacht hätte. Krasser ist Geschäftsführer der Stadtwerke Wun­siedel und wäre für Goethe ein überaus interessanter Gesprächspartner. Der Ingenieur hat die durch die Luisenburg-Festspiele be­­kann­te Stadt im Fichtelgebirge nämlich zu einem landesweit einzig­artigen Labor für die Energiewende gemacht.

Innovative Technologien, neue Ge­schäftsmodelle, zukunfts­weisende Versorgungskonzepte: Die 10.000-Einwohner-Kommune macht vor, wie der klimafreundliche Umbau des Energiesystems gelingen kann. „Unser Ziel ist es, eine weitgehend autonome, auf regionalen Kreisläufen ba­­sie­rende Strom- und Wärmeversorgung aus erneuerbaren Quellen zu schaffen“, erklärt Krasser. Den „WUNsiedler Weg“ hat der 46-Jährige diese Strategie getauft. Damit findet er große Anerkennung in der Politik, der Wissenschaft und auch bei seinen Branchenkollegen. So ist der kommunaleigene Versorger 2016 mit dem renommierten „Stadtwerke Award“ ausgezeichnet worden.

Erlebnis Energiewende

Wäre Goethe zu Besuch, würde Krasser ihn sicher erst einmal ins „Haus der Energiezukunft“ führen – ein im Februar 2018 eröffneter Showroom mit Dauerausstellung in Nachbarschaft zur Stadtwerke-Zentrale, der mittels interaktiver Anwendungen über die Ziele, Projekte und Technologien des WUNsiedler Wegs informiert. Die lokale Energiewende in Wunsiedel soll hier erlebbar werden: So können die Besucher zum Beispiel anhand eines Modells simulieren, wie sich der weitere Ausbau der erneuerbaren Energien in der Region auf die Versorgung auswirkt. Das „Haus der Energiezukunft“ ist nicht nur ein Informationsangebot für Bürgerinnen und Bürger, Schulen und Unternehmen der Stadt, sondern soll auch eine Inspirationsquelle für andere Kommunen sein, die dem Beispiel der Oberfranken folgen wollen.

Zwei Macher, ein gemeinsames Ziel: Karl-Willi Beck (links), Bürgermeister von Wunsiedel, und Marco Krasser, Chef der örtlichen Stadtwerke, machen aus der Stadt im Fichtelgebirge ein Vorzeigeprojekt in Sachen Energiewende. | Foto: Sonja Herpich

Aus der Region für die Region

Als Mann der Praxis würde Goethe aber vermutlich darauf drängen, sich ein eigenes Bild von der Wunsiedler Energiewende zu machen. Zuerst würde es ihn wohl in den Ortsteil Holenbrunn ziehen, wo das Bioenergie-Zentrum der Stadt steht. Seit 2012 erzeugt ein Biomasse-Heizkraftwerk hier grünen Strom. Die dabei anfallende Abwärme nutzen die Stadtwerke, um Holz zu trocknen. Daraus werden dann Holzpellets hergestellt. Nun werden die Produktionskapazitäten des Zentrums deutlich erweitert: Zusammen mit zwei Partnern, der BayWa und dem Wärmeversorger Bayernwerk Natur, errichten die Stadtwerke derzeit eine neue Pelletierungsanlage, die 105.000 Tonnen des Ökobrennstoffs herstellen kann. Damit lassen sich rein rechnerisch 35.000 Einfamilienhäuser mit Wärme versorgen.

Fast 28 Millionen Euro investieren die Partner in das Projekt – finanziert durch die UmweltBank. „Das Projekt überzeugt uns sehr, weil es in jeder Hinsicht nachhaltig ist: ökologisch, ökonomisch und sozial“, erklärt Stefan Weber, Vorstandsmitglied der UmweltBank. „Besonders gefällt uns dabei, dass dem Projekt ein konsequent regionaler Ansatz zugrunde liegt. Das schafft Arbeitsplätze an Ort und Stelle und stärkt die heimische Wirtschaft.“ Die Anlage verarbeitet ausschließlich Holz aus dem waldreichen Fichtelgebirge, vor allem Restholz örtlicher Sägebetriebe sowie Äste und anderes Material aus der Landschaftspflege. Der regionale Rohstoffeinkauf gehört für Krasser quasi zur DNA des WUNsiedler Wegs. „Wir nutzen die heimischen Energieträger, um die gesamte Wertschöpfungskette vor Ort zu halten“, erklärt der Stadtwerke-Chef.

Regional denkt Krasser auch bei der Vermarktung des in und um Wunsiedel erzeugten Grünstroms. In Deutschland wird die Wind-, Solar- und Bioenergie normalerweise über die Börse im Paket mit Strom aus Kohle-, Gas- und Atomkraftwerken an Versorger und andere Großabnehmer verkauft. Anders in Wunsiedel: Zusammen mit einem lokalen Partner haben die Stadtwerke eine Drehscheibe für den örtlichen Stromhandel geschaffen. Sie kaufen den Anlagenbetreibern ihre Energie ab und versorgen damit Kunden in der Umgebung. Zwei Windräder, drei Bioenergie- und acht große Solaranlagen liefern derzeit Strom für das „Made in Wunsiedel“-Modell.

So sieht Zukunft aus: In diesen futuristischen Containern verbirgt sich ein Speichersystem von Siemens – das größte in ganz Bayern. Hier kann Strom aus Solar- und Windenergie gespeichert werden. | Foto: Sonja Herpich

Flexibilität schafft Sicherheit

Nächste Station des Rundgangs durch das Energiewendelabor wäre eine kleine Gewerbehalle im Ortsteil Schönbrunn, wo mit Holzpellets aus Holenbrunn Wärme für ein Nahwärmenetz erzeugt wird. Dabei wird das Holz allerdings nicht wie üblich verbrannt, sondern stark erhitzt, sodass ein brennbares, klimaneutrales Gas entsteht. Dieses innovative Verfahren erlaubt es, statt eines Heizkessels einen Gasmotor einzusetzen, der neben der Wärme auch Strom liefert. So nutzen die Stadtwerke den Energiegehalt des Holzes optimal aus. Drei weitere Anlagen dieser Art hat der Versorger im Stadtgebiet mittlerweile errichtet.

Die Gasmotoren machen es den Stadtwerken zudem möglich, sehr flexibel zu agieren: Sie können deren Betrieb jederzeit an den Energiefluss im Stromnetz anpassen. Speisen Windräder oder Fotovoltaikanlagen viel Strom ein, werden die Gasmotoren gedrosselt oder abgeschaltet. Bei Flaute oder dichten Wolken fährt der Versorger sie wieder hoch. Auf diese Weise helfen die Motoren, die Stromversorgung zu stabilisieren. Die Nahwärmenetze dienen dabei als Speicher für die Heizenergie, die bei der Stromerzeugung entsteht. Allerdings, so Krasser, rentiert sich diese Betriebsweise derzeit noch nicht, da bislang der dafür nötige rechtliche Rahmen fehlt. Es gibt momentan kein wirksames Regelwerk, das den netzdienlichen Betrieb von Ökostromanlagen belohnt. Doch das wird kommen, ist der Ingenieur überzeugt. „Und dann sind wir gerüstet!“

Krasser ist optimistisch, weil er weiß: Solche Modelle zur Flexibilisierung der Energieversorgung gewinnen mit dem weiteren Ausbau der wetterabhängigen Wind- und Solarenergie stark an Wert. Da nämlich Stromangebot und -nachfrage im Netz stets im Gleichgewicht sein müssen, braucht es Instrumente, mit denen sich Überschüsse und Defizite kompensieren lassen. Für lokale Versorger eröffnen sich hier neue, attraktive Geschäftsmodelle.

Ein guter Grund für die Stadtwerke, dem Prinzip der Flexibilität beim WUNsiedler Weg einen vergleichbar hohen Rang einzuräumen wie der Regionalität. Sichtbares Zeichen dieser Wertschätzung sind die großen weißen Container, die derzeit auf dem Gelände des Biomasse-Zentrums installiert werden. Darin verbirgt sich ein Batteriespeichersystem von Siemens – die mit einer Leistung von 8,4 Megawatt momentan größte Anlage dieser Art in Bayern. Der Kommunalversorger will dort Solar- und Windstrom zwischenspeichern, wenn die Energie gerade nicht gebraucht wird. Zudem sollen die Batteriepakete sogenannte Regelenergie liefern, mit der die Betreiber der übergeordneten Stromnetze sehr kurzfristig Abweichungen von Angebot und Nachfrage ausgleichen können.

Speichern nach Wettervorhersage

Gerade in den Mittagsstunden sonniger Tage könnte die XXL-Batterie gute Dienste leisten. Dann fluten große Mengen an Sonnenstrom in die lokalen Leitungen – eine Herausforderung, vor der auch viele andere Ortsnetzbetreiber stehen. 15 Kilometer östlich von Wunsiedel, in der Nachbarkommune Arzberg, erprobt das Bayerische Zentrum für Angewandte Energieforschung (ZAE) derzeit einen neuen Ansatz, dieses Problem in den Griff zu bekommen.

Die Idee der Forscher: Die Speicher sollen mit dem Laden beginnen, wenn die Solaranlagen kurz vor ihrer maximalen Leistung stehen. Das entlastet die Leitungen in der Spitzenzeit. Gesteuert werden die Speicher von einer Software, die neben Erzeugungs-, Netz- und Verbrauchsdaten auch Wetterprognosen berücksichtigt. Bis das Konzept in die Praxis umgesetzt werden kann, ist auch nach Aussagen der Projektleitung jedoch noch Forschungsarbeit nötig.

Manager mit Mission: Marco Krasser will Wunsiedel und ­Umgebung relativ autonom mit Strom und Wärme versorgen. Über den von ihm entworfenen „WUNsiedler Weg“ zur dezentralen Energieversorgung berichtet er gerne in der Öffentlichkeit.

Tag und Nacht für die Bürger

Zurück nach Wunsiedel, in die Dr.-Schmidt-Straße 7. Hier, in einem Mehrparteienhaus im Stadtzentrum, haben die Stadtwerke ihr „WUNWohnlabor“ eingerichtet – eine mit Nachtspeicherheizungen ausgestattete Musterwohnung, die der Versorger mit allerlei Mess- und Regelinstrumenten ausgerüstet hat, um Energie zu sparen und den Komfort für die Bewohner zu verbessern.

Vor allem aber soll die Technik helfen, die lokalen Windräder in die örtliche Energieversorgung einzubinden: Die Stadtwerke haben die Nachtspeicherhei­zungen mit einer Fernsteuerung versehen, die es ermöglicht, immer dann Wärme zu erzeugen, wenn die Wind-kraftanlagen gerade auf Hochtouren laufen. Die Speichersteine der Heizungen halten die Wärme so lange, bis sie benötigt wird. „Unsere Praxistests zeigen, dass Nacht­spei­cherheizungen einen nicht unerheblichen Beitrag zur Netzstabilität leisten können“, sagt Krasser. Der Stadtwerke-Chef plant, dieses Betriebsmodell allen Hauseigentümern mit Nachtspeicherheizung in Wunsiedel anzubieten. Dank spezieller Stromtarife soll sich das für die Eigentümer schnell lohnen.

Das Projekt der „Windstrom-Heizung“ ist nur ein Beispiel dafür, wie die Bürgerinnen und Bürger vom Engagement ihres Versorgers für die Energiewende profitieren können. Kein Wunder, dass Krassers Kurs laut Bürgermeister Karl-Willi Beck vor Ort viel Unterstützung findet. Beck erinnert daran, dass die Wunsiedler beim Thema Energie schon immer ganz vorn mit dabei waren: „Wir gehörten Anfang des letzten Jahrhunderts zu den wenigen Städten, die bei der Straßenbeleuchtung gleich auf Strom statt auf Gas gesetzt haben. Das war damals sehr mutig, hat sich aber ausgezahlt.“ In dieser Tradition will die Stadt den eingeschlagenen Weg konsequent fortsetzen. „Wunsiedel ist seit Langem bekannt als Festspielstadt. Jetzt machen wir uns auch als Energiestadt einen Namen!“, freut sich Beck, der seine Stadt für die Zukunft gut gerüstetet sieht. Das hätte sicher auch Goethe gut gefallen. «

Die Energiewende finanzieren

Die UmweltBank hat bereits 1997 ihre erste Windkraftanlage finanziert. Überhaupt hat die Finanzierung innovativer, nachhaltiger Erneuerbare-Energien-Projekte eine lange Tradition bei der grünen Bank. Gut zwei Drittel des Kreditzusagevolumens von 2,9 Milliarden Euro (Stand: 31. Dezember 2018) entfallen heute auf Projekte aus den Bereichen Wind- und Wasserkraft sowie Solar- und Bioenergie. Dabei beobachtet Vorstandsmitglied Stefan Weber, dass sich der Fokus der Finanzierungsanfragen ausgeweitet hat. „Viele Jahre lang haben wir ausschließlich Erzeugungsanlagen finanziert. Doch seit einiger Zeit bekommen wir mehr und mehr Anfragen für Projekte, bei denen die Systemintegration der erneuerbaren Energien eine zentrale Rolle spielt“, sagt Weber.