Lieber Sebastian, right. hat einen neuen Ansatz für die Bewertung der Klimafreundlichkeit von Unternehmen entwickelt. Was ist denn das Problem mit dem bislang hinzugezogenen CO2-Fußabdruck oder der Bewertung von Unternehmen nach ihrem CO2-Ausstoß?

Treiber für die Gründung von right. based on science war für uns, dass der Ausstoß von CO2 in Tonnen für viele einfach keine greifbare Größe ist. Wir wünschten uns eine Einheit, die innerhalb der Klimathematik bleibt. Als wir uns zusammengesetzt haben, hatten wir im Grunde gar keine konkrete Lösung vor Augen. Wir wussten nur, wir wollten keinen neuen Score, kein abstraktes Rating. Unser Ziel war, Klimafreundlichkeit mit einer Gradzahl auszudrücken und dabei objektiv und wissenschaftlich zu bleiben.

Ein zweiter Aspekt, der sich schnell ergeben hat, war der fehlende oder zumindest erschwerte Branchenvergleich. Es gibt einfach Wirtschaftszweige, die viel mehr Emissionen ausstoßen als andere: Ein Energieproduzent wird in absoluten Tonnen CO2 immer einen größeren Ausstoß haben, als ein IT-Unternehmen. Unser Modell lässt den Vergleich unterschiedlicher Sektoren und Unternehmensgrößen zu.

Und wie funktioniert die Methode von right.?
Im ersten Schritt sammeln wir die Finanz- und die Emissionsdaten eines Unternehmens. Dann machen wir eine recht einfache Rechnung auf: Wie viele Emissionen braucht das Unternehmen, um eine Million Euro Bruttowertschöpfung zu generieren? Das ist wichtig, um Unternehmen unterschiedlicher Größe vergleichbar zu machen.

Als Nächstes rechnen wir das hoch: Wenn die ganze Welt genauso emissionsintensiv wäre wie dieses Unternehmen, wie viele Emissionen würden in die Atmosphäre gelangen? Das Ergebnis ist ein absoluter Wert für den Emissionsausstoß. Diesen können wir errechnen, weil die Weltbank jedes Jahr die globale Bruttowertschöpfung berechnet und veröffentlicht. Das ist also eine fixe Zahl.
Den Wert für den globalen Emissionsausstoß geben wir in ein Klimamodell ein – das ist Schritt drei. Das Klimamodell prognostiziert die Erderwärmung, die bei dem errechneten Emissionsausstoß zu erwarten ist. Einfach gesagt: Wenn es x Emissionen gibt, dann bedeutet das y Grad Erderwärmung. Das ist dann die X-Degree Compatibility oder XDC.

Sebastian Müller erklärt, wie bei right. based on science Unternehmen beurteilt werden. Nachhaltige Wirtschaftszweige stehen besonders gut da. | Foto: iStock

Damit sind wir schon recht weit. Aber nun kann es eben sein, dass ein Energieerzeuger eine XDC von 8 °C erhält. Das sieht erst mal schlechter aus, als es vielleicht ist. Darum setzen wir den Wert im vierten und letzten Schritt noch ins Verhältnis. Denn wir haben ja nicht nur emissionsintensive Wirtschaftszweige auf der Welt. Wir können das Klimaziel von unter 2 °C Erderwärmung auch einhalten, wenn bestimmte Sektoren mehr Emissionen ausstoßen als andere. Zwar müssen alle Sektoren Emissionen reduzieren, aber nicht alle müssen auf das gleiche niedrige Niveau kommen. Darum gibt es für jede Branche einen eigenen Zielwert. Dieser gibt an, wo ein Unternehmen landen muss, damit die Erderwärmung insgesamt nicht über 2 °C steigt. Und wenn dieser Zielwert im XDC Modell erreicht wird, sind die Emissionen des Unternehmens mit einer Erderwärmung von weniger als 2 °C vereinbar.

Abkommen von Paris

Bei der UN-Klimakonferenz in Paris im Dezember 2015 einigten sich 197 Staaten auf ein neues, globales Klimaschutzabkommen. Mittlerweile haben 180 Staaten das Abkommen ratifiziert, darunter auch die Europäische Union (EU) und Deutschland.

Die Staaten setzen sich das globale Ziel, die Erderwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter auf „deutlich unter“ 2 °C zu begrenzen mit Anstrengungen für eine Beschränkung auf 1,5 °C.

Quelle: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie

Wir haben unseren nachhaltigen Mischfonds den „UmweltSpektrum Mix“ ja auch bewerten lassen. Kannst du das Modell am Beispiel des Fonds veranschaulichen?
Klar. Der UmweltSpektrum Mix hat 45 Einzeltitel im Portfolio. Die haben wir alle für sich genommen analysiert: Also, wie viele Emissionen stößt jedes Unternehmen aus, um eine Million Euro Bruttowertschöpfung zu erzielen und bei welchem Wert müssten die Unternehmen im Hinblick auf ihren jeweiligen Wirtschaftszweig landen? Außerdem haben wir das Portfolio als Ganzes betrachtet, die Einzelwerte also aggregiert. Das Portfolio insgesamt kommt auf eine XDC von 3,3 °C*, was für diesen Sektormix sehr gut ist. Denn selbst bei einem XDC von 3,7 °C wäre der Fonds kompatibel mit unter 2 °C Erderwärmung. Der vorliegende XDC von 3,3 °C entspräche sogar einem 1,75 °C-Szenario.
Dabei waren zwar einzelne Unternehmen, die nicht mit dem 2 °C-Ziel kompatibel wären. Aber da kommt die Gewichtung der Unternehmen im Fonds ins Spiel: Der Fonds hält ja nicht von allen Titeln gleich viele Anteile. So gleichen klimafreundlichere Unternehmen den Gesamtwert des Portfolios wieder aus.

Wir glauben, dass in puncto Klima die Zeit am meisten drängt. Wenn wir hier nicht schnell Lösungen finden, dann wird es zukünftig noch schwieriger werden, die drängenden sozialen Fragen zu klären.

Dr. Sebastian Müller

Mitbegründer right. based on science

Und woher kommen die Zahlen und Modelle, mit denen right. arbeitet?
Wir arbeiten mit Eckdaten von international anerkannten Agenturen und Organisationen. Beispielsweise ist das Klimamodell, das wir nutzen, eines, das auch der Weltklimarat verwendet. Zahlen zur globalen Bruttowertschöpfung nehmen wir von der Weltbank. Und die Einteilung der Emissionsbudgets für die verschiedenen Wirtschaftszweige kommt von der Internationalen Energieagentur (IEA). Das ist uns wichtig, denn wir möchten niemandem etwas vorschreiben. Unser Ziel ist es, die Auswirkungen von Emissionen auf den Klimawandel wissenschaftlich einzuordnen und zu veranschaulichen.

Das Modell erlaubt es bislang nicht, neben Emissionen andere ESG-Kriterien (Environment, Social Government) zu betrachten. Seht ihr Potenzial für ein erweitertes Modell?
Aktuell sind wir mit dem, was wir tun schon sehr ausgelastet. Wir arbeiten mit 30 Leuten nonstop am XDC Modell. Darunter Physiker, Datenwissenschaftler, Astrophysiker, Ökonomen und Juristen. Wir möchten das Modell nicht nur auf dem aktuellen Stand halten, sondern noch besser machen. Das heißt natürlich nicht, dass wir andere ESG-Kriterien für weniger wichtig erachten. Wir glauben nur, dass in puncto Klima die Zeit am meisten drängt. Wenn wir hier nicht schnell Lösungen finden, dann wird es zukünftig noch schwieriger werden, die drängenden sozialen Fragen zu klären.

Euer Ansatz ist sehr erfolgreich. Erst dieses Jahr ist right. durch den Deutschen Nachhaltigkeitspreis mit dem Next Economy Award ausgezeichnet worden. Welche Pläne schmiedet ihr für die Zukunft?
Ich träume davon, dass das XDC Modell auch in andere Methoden und Analyse-Tools einfließt. Wir haben ein solides Fundament gebaut, mit dem man Assets über verschiedene Klassen hinweg vergleichen kann. Damit hat die XDC das Potenzial eine Art Standard-KPI (Key Performance Indicator) zu werden. Darum haben wir unseren Ansatz schon 2019 für die akademische Welt geöffnet. In unserem Projekt right.open werden bereits Master- und Doktorarbeiten rund um das XDC Modell geschrieben. 2021 wird der Quellcode open source: Dann kann jeder daran mitarbeiten. Es gibt da draußen so viele kluge Köpfe mit so viel Wissen … Die Herausforderung ist groß und die Zeit läuft uns einfach davon. Wir sind der festen Überzeugung, dass wir gemeinsam in einer weltweiten und interdisziplinären Kollaboration Lösungen finden können.

Lieber Sebastian, vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, unseren Blog-Userinnen und –Usern euer Modell so anschaulich zu erklären. Wir haben spannende Eindrücke aus eurer Arbeit mitgenommen.

Zur Person:

Dr. Sebastian Müller, LL.M., ist Mitgründer, Syndikusrechtsanwalt und Leiter Recht & Regulierung bei right. based on science. Nach seiner Promotion im Steuerrecht war er mehrere Jahre für die internationale Wirtschaftskanzlei CMS Hasche Sigle in Frankfurt tätig. Bei right. ist er u.a. für die rechtliche Fundierung des XDC Modells sowie die Zusammenarbeit mit Finanzmarktakteuren verantwortlich.

Anlagemöglichkeiten bei der UmweltBank:

Neben dem UmweltSpektrum Mix bietet die UmweltBank verschieden Fonds und weitere ökologische Anlagemöglichkeiten für Privatpersonen, Firmen und Verbände.

*Basisjahr der Input-Daten 2018