Die Am Ostseeplatz eG in Berlin gehört zu den jungen Genossenschaften, die beweisen, dass die Idee des Gemeinschaftswohnens so lebendig wie notwendig ist. Ihre Gründung geht auf die Initiative von Mietenden zurück: Im Jahr 2000 plante die Wohnungsbaugesellschaft Prenzlauer Berg (WIP), einen Teil ihrer Wohnungen am Ostseeplatz zu privatisieren. Die Mieterinnen und Mieter gründeten daraufhin eine Wohnungsgenossenschaft und erwarben mittels einer Förderung durch das Land Berlin den gesamten Bestand. So konnten Sie Ihre Vorstellungen vom Gemeinschaftswohnen umsetzen.

Die Wohnanlage musste damals dringend saniert werden. Dabei sollte neben der Wohnqualität auch der energetische Zustand des Hauses deutlich verbessert werden. Die Gebäude erhielten daher ab 2003 allesamt neue Fenster und die Fassade eine effiziente Wärmedämmung. Mit dem Bau eines Blockheizkraftwerkes schaffte die Genossenschaft eine zentrale Wärmeversorgung, sodass die Energiekosten seitdem vergleichsweise gering ausfallen.

Die Genossenschaft wagt ein Vorzeigeprojekt des Gemeinschaftswohnens

Bis heute ist der Bestand der Wohnungsgenossenschaft auf 584 Wohnungen und 25 Gewerbeflächen angewachsen. Neuster Fleck auf der Landkarte ist der Wedding. Im Sprengelkiez hat sich die Genossenschaft an ein kühnes Vorzeigeprojekt getraut: Mit nur einem Jahr Bauzeit errichtete sie eines der größten Holzhäuser Deutschlands auf einem herausfordernden Grundstück direkt am Bahndamm – und das mit KfW 40 Effizienzhaus-Standard.

Mit einer Lebenszeit von 80 bis 100 Jahren kann ein modernes Holzhaus mit Massivhäusern gut mithalten.

Olaf Schäfer

Architektur- und Ingenieurbüro schäferwenningerprojekt GmbH

Holzhäuser sind effektiv, nachhaltig und langlebig

Für die 98 Wohnungen und vier Gewerbeeinheiten wurden 3.700 Kubikmeter Holz verbaut. Balken, Fußböden, Decken und Fassade bestehen aus Fichte oder Douglasie aus deutschen und österreichischen Wäldern. Nur die nicht tragenden Wände sind aus Kostengründen aus Gipskarton; Keller und Erdgeschoss wegen der Statik aus Stahlbeton. Rein rechnerisch ist das Holz für dieses Haus in nur 19 Minuten nachgewachsen.

Dank vorgefertigter Vollholzmodule konnte pro Woche ein komplettes Stockwerk der Gemeinschaftswohnanlage errichtet werden. Zwar waren aufwendige Abstimmungen mit der Feuerwehr nötig, der heutige Stand der Technik machte es jedoch möglich, dass alle Brandschutzvorschriften erfüllt sind. „Mit einer Lebenszeit von 80 bis 100 Jahren kann ein modernes Holzhaus mit Massivhäusern gut mithalten“, erklärt Olaf Schäfer des mit dem Bau beauftragten Architektur- und Ingenieurbüro schäferwenningerprojekt GmbH.

Gemeinschaftswohnen kann in moderner Holzbauweise schnell und nachhaltig umgesetzt werden. | Foto: Matthias Winkler / UmweltBank AG

Bewohnerinnen und Bewohner gestalten mit

Das Konzept sieht ein gemeinschaftliches Wohnen vor. Neben Privatwohnungen gibt es auf jeder Etage Gemeinschaftsräume. Die Genossenschaft brachte noch in der Bauphase sogenannte Wohn-Cluster, also Wohngruppen, zusammen, die sich jeweils einen Flur teilen. Die Mieterinnen und Mieter durften mitbestimmen, wie groß die Wohnküchen und -flure auf ihrer Etage jeweils werden. Im Holzhaus gibt es zudem eine Kindertagesstätte, eine WG für Demenzerkrankte, eine Obdachlosenhilfe und Räume für Ateliers im Erdgeschoss. So wird das Gemeinschaftswohnen mit leben erfüllt.

Die Hälfte der Einheiten wurden vom Land Berlin gefördert, entsprechend gelten 50 Prozent der Wohneinheiten als Sozialwohnungen mit einem Mietpreis von 6,50 Euro pro Quadratmeter. Für die übrigen Wohnungen beträgt die Miete 8,75 Euro pro Quadratmeter; damit liegt sie deutlich unter der aktuellen Marktmiete. Die UmweltBank finanzierte das ambitionierte Vorhaben.

Für das Projekt im Sprengelkiez erhielt die Am Ostseeplatz eG 2019 den Berliner Holzbaupreis . Den Preis hatte die Hauptstadt durch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen in Kooperation mit dem Deutschen Holzbaupreis ausgelobt.

Gemeinschaftswohnen im Wedding

Standort: Lynarstraße 35-37, 13353 Berlin-Wedding

Umfang: 3 Baukörper, 7 Geschosse (EG, 1. – 5. OG, Staffelgeschoss), ca. 6.600 m² Nutzungsfläche, 98 Wohneinheiten, 3 Gewerbeeinheiten

Besonderheiten:

  • KfW-Effizienzhaus-40
  • Holzbau (Keller und EG aus Stahlbeton, Rest aus Holz)
  • Gemeinschaftsräume
  • ca. 50 % Sozialwohnungen
  • ca. 90 % der Wohnungen barrierefrei
  • Demenz-WG (10 Zimmer)
  • Obdachlosenhilfe
  • Kindertagesstätte

Wohnungsbaugenossenschaften öffnen Wege aus der Mietmisere

Genossenschaften unterscheiden sich von anderen Rechtsformen dadurch, dass die Mitglieder sowohl Mieter_innen als auch – über ihre Genossenschaftsanteile – Miteigentümer_innen der Genossenschaft sind. Dabei genießen sie lebenslanges Wohnrecht, den Schutz vor Eigenbedarfskündigung und weitreichende Mitsprachemöglichkeiten. Wer bei der Wohnungsbaugenossenschaft Am Ostseeplatz wohnen möchte, kauft je nach Wohnungsgröße einen Anteil von 1.560 bis maximal 5.200 Euro pro Wohnung. Ähnlich wie eine Kaution erhält man dieses Geld normalerweise beim Auszug zurück. Bis dahin darf man sich zu Recht als Miteigentümerin oder Miteigentümer der Genossenschaft und damit der genutzten Wohnung fühlen.

Ein sozial verträgliches Miteinander

Aus diesem Grundgedanken heraus zählen für die Genossenschaft neben den bautechnischen Verbesserungen stets vor allem soziokulturelle Aspekte. So fördert die Am Ostseeplatz eG eine gemischte Bewohnerschaft in ihren Wohnanlagen mit gezielten Maßnahmen. Ein gutes Beispiel dafür sind die fünfzehn Häuser in Kreuzberg, die einst der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Berlin Mitte mbH gehörten.

Im Vordergrund des Projekts „Waldkiez“ stand die sozial verträgliche Instandsetzung unter Beteiligung der Mieterschaft. Hier wohnen mehrheitlich ehemalige sogenannte Gastarbeiter aus der Türkei, ihre Kinder und Enkel. Sie machen 60 Prozent der Bewohner aus. Die Genossenschaft integriert die türkischstämmigen Haushalte aktiv in die Hausgemeinschaft. Dafür beschäftigt sie auch türkischstämmiges Personal und bietet alle Dienstleistungen nach Möglichkeit zweisprachig an. Für das Projekt „Waldkiez“ erhielt die Am Ostseeplatz eG bereits 2008 den Genossenschaftspreis vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung und vom Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen.

Die UmweltBank finanziert verschiedene Formen des Gemeinschaftswohnen. Neben Wohnungsbaugenossenschaften beispielsweise auch Baugemeinschaften.