Hallo Frau Griefahn, erlauben Sie mir zum Start direkt eine persönliche Frage. Ihr Vater, Dr. Michael Braungart, ist ein Vordenker von Cradle to Cradle, während ihre Mutter, Monika Griefahn, Umweltministerin von Niedersachsen war. Haben Sie früher schon am Frühstückstisch über das Klima diskutiert?
Cradle to Cradle ist einfach logisch gedacht und ich bin mit viel logischem Denken aufgewachsen. Ich habe gelernt, Dinge und Verhalten kritisch zu hinterfragen. Eine wesentliche Erkenntnis für mich war irgendwann, dass wir unseren Kindern das Konzept „Müll“ anerziehen. Ich erinnere mich, dass ich als Kind einen Kaugummi in die Natur geworfen und dafür Ärger bekommen habe. Das habe ich nicht verstanden, weil ich ihn ja schließlich im Mund hatte und darauf herumgekaut habe. Wie kann das also Müll sein, der nicht in die Natur darf? Das macht doch keinen Sinn. Wenn wir mehr auf unseren gesunden Menschenverstand hören würden, hätten wir viele Probleme von heute nicht.

Cradle to Cradle ist also eine Frage des gesunden Menschenverstands?
Bei Cradle to Cradle geht es darum, dass wir Menschen uns und die Dinge unseres Alltags als Teil der Natur begreifen und deshalb Produkte so gestalten, dass sie einen positiven ökologischen Fußabdruck hinterlassen. Dazu müssen sie „von der Wiege bis zur Wiege“ gedacht werden, sodass sie bzw. ihre Bestandteile in unendlichen Kreisläufen wiederverwendet werden können. Wir brauchen ein Umdenken bei der Produktentwicklung. Denn bisher versuchen wir – wie beispielsweise in der Automobilindustrie – die falsche Technologie immer ein bisschen weniger schlecht zu machen. Unsere Autos verbrauchen dann zwar ein bisschen weniger Benzin, bleiben aber weiter bei der gleichen Technologie. Die Frage, die Cradle to Cradle hier stattdessen aufwirft, ist, wie Mobilität zukünftig im Einklang mit der Natur gestaltet werden kann.

Ihre These ist also, dass wir Menschen nicht zwangsläufig weniger Ressourcen nutzen müssen, um nachhaltiger zu leben?
Wir leben gerade in einer Pandemie und haben einen Nahezu-Lockdown hinter uns. Der Earth Overshoot Day hat sich aber nur um drei Wochen nach hinten verschoben. Weltweit sind Menschen fast nicht geflogen, haben auf Vieles verzichtet, haben in diesem Sinne also gut und richtig gelebt. Und trotzdem reicht das nicht, um den Klimawandel aufzuhalten. Reiner Verzicht kann also nicht die Strategie sein, um den Planeten zu retten. Wir müssen an die Sache anders herangehen und uns dabei auch von „Schaden-Minimierungszielen“ verabschieden. Selbst das 1,5°-Ziel ist von der Denke her ja reine Schadensbegrenzung. Es definiert, wie schlecht wir sein dürfen und ist kein positiv gedachtes Ziel. Wir sollten uns stattdessen vornehmen, die Erde wieder zu regenerieren.

Reiner Verzicht kann also nicht die Strategie sein,
um den Planeten zu retten.

Nora Sophie Griefahn

Geschäftsführende Vorständin der Cradle to Cradle NGO

Es geht also nicht darum, schlechte Dinge zu verbieten – sondern zu überlegen, wie unsere Bedürfnisse intelligenter gelöst werden können?
Verzicht an sich ist für mich kein Wert und keine gesellschaftliche Perspektive in einem demokratischen System. Es geht um intelligentes Handeln. Es ist zum Beispiel nicht intelligent, dreimal täglich Fleisch zu essen. Wir müssen aber nicht alle komplett auf Fleisch verzichten, sondern stattdessen überlegen, was gesunde Ernährung bedeutet und wie wir diese am besten sicherstellen. Wenn viele Menschen auf der Welt gerne Burger essen, müssen wir uns überlegen, wie dieses Bedürfnis möglichst intelligent befriedigt werden kann – und nicht pauschal sagen “ihr dürft alle keine Burger mehr essen“.

Wie kann das auf breiter Basis geschafft werden. Wie wollen Sie das als NGO in die Tat umsetzen?
Ich denke, wir haben gar keine andere Chance als den Weg von Cradle to Cradle zu gehen. Andere Ansätze können auf breiter Basis in einem demokratischen System nicht umgesetzt werden. Unternehmen müssen verstehen, dass es ökonomisch Sinn macht, Produkte so zu entwickeln, dass sie am Ende nicht in den Müll, sondern zurück in den Kreislauf wandern. Gerade wir Europäer sollten doch Rohstoffe im Kreislauf halten, um uns unabhängiger von anderen Ländern zu machen. Wir als Organisation wollen das zum Thema machen und sprechen z. B. mit dem Umweltministerium oder besonders intensiv mit dem Wirtschaftsministerium.

Das C2C LAB in Berlin ist die weltweit erste umfassende Sanierung nach den Kriterien von Cradle to Cradle. Auf 400 m² werden C2C Denkschule und Designkonzept als Bildungszentrum , NGO Head Office und Reallabor inhaltlich und praktisch erlebbar. | Foto: Felix Burchardt

Stoßen Sie in der Politik auf offene Ohren?
Die Politik steht aktuell unter starkem Handlungsdruck in Sachen Klima und greift Themen „von der Straße“ auf. Deshalb wird dann z. B. eine CO2-Steuer umgesetzt. Das hat aber etwas aktionistisches, weil es wieder aus der „Vermeidungsdenke“ herauskommt. Kohlenstoff ist eine Ressource, die gemanagt und in einem Kreislauf gehalten werden kann. Wenn wir uns schon mit Steuern und Abgaben beschäftigen, sollten wir eher über eine allgemeine Ressourcenabgabe nachdenken. Auf EU-Ebene passiert da schon einiges, zum Beispiel mit dem Green Deal, dem Circular Economy Package und dem Circular Economy Action Plan.

Gibt es denn etwas, das ich als Verbraucher_in in diesem Kontext beitragen kann?
Wir alle können die richtigen Fragen stellen und sagen, dass wir Produkte so wie sie jetzt konzipiert sind, nicht wollen. Dass wir T-Shirts wollen, die wirklich für den Hautkontakt gemacht sind und die keine Schadstoffe enthalten, die für immer im Kreislauf bleiben. Dass wir an einem Tisch sitzen wollen, der wirklich für den Innenraum gemacht ist und die Luft nicht schlechter macht. Dass wir Kosmetik, Kleidung, Waschmaschinen und Waschmittel wollen, die kein Mikroplastik in den Kreislauf bringen. Zusätzlich ist es wichtig, dass wir richtig wählen und unserer Haltung öffentlich Ausdruck geben. Denn am Ende kann die Bürde der Veränderung nicht bei den Verbraucher_innen bleiben.

Gibt es denn schon Produkte, die nach dem C2C-Ansatz funktionieren?
Es gibt ganz viele. Es gibt vor allem Textilien, die C2C-mäßig produziert sind, weil sie für Hautkontakt gemacht sind und beim Waschen kein Mikroplastik produzieren. Und es gibt gerade in der Baubranche viele gute Beispiele für Cradle to Cradle.

Wir dürfen aber nicht jedes Upcycling mit Cradle to Cradle verwechseln. Wenn ich aus Meeresplastik ein T-Shirt mache, ist es zwar schön, dass das Plastik aus dem Meer herauskommt. Aber das Plastik enthält Schadstoffe und ist daher einfach nicht dafür gemacht, auf der Haut getragen zu werden. Oder die Tasche aus LKW-Plane: die LKW-Plane wurde nicht dafür gemacht, eine Tasche zu sein, die man am Körper trägt oder sie im Zimmer stehen hat. Das sind Materialien, die nie dafür gemacht wurden, in einem Kreislauf zu bleiben. Ein Gift im Kreislauf ist immer noch Gift.

Für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft braucht es ein Umdenken bei der Produktentwicklung, um nicht weiterhin die falsche Technologie immer ein bisschen weniger schlecht zu machen. | Foto: Cradle to Cradle e.V.

Dass Sie die Baubranche ansprechen passt, weil die UmweltBank aktuell den Bau eines neuen Standorts plant. Was sind denn aus Ihrer Sicht Ideen, die wir dabei berücksichtigen könnten?
Sie können zum Beispiel von vornherein das Thema Gebäude anders denken. Kein schlechtes Gefühl haben, weil Sie Flächen versiegeln, sondern sich freuen, weil Sie mit den Fassaden neue Flächen schaffen. Diese zusätzlichen Flächen zu nutzen und ins Ökosystem zu integrieren, ist doch ein toller Ansatzpunkt, um die Biodiversität zu fördern oder die Luftqualität zu verbessern. Begreifen Sie Ihr Gebäude als Materialbank und halten Sie in einem Material-Gebäudepass fest, wo welche Materialien wie verbaut sind. So können Sie diese irgendwann zurückgewinnen und anderweitig einsetzen.

Es gibt auch Kritik an der C2C-Idee. Für manche ist die Idee des ewigen Kreislaufes ein Aufruf zur Verschwendung. Ist das so?
Cradle to Cradle ist kein Aufruf zum Blöd-Sein. Wir dürfen nicht einfach Dinge kopflos vergeuden. Aber wie schon gesagt, kann auch das Gegenteil nicht richtig sein. Wir müssen danach streben, nichts endgültig wegzuwerfen, sondern jedes verwendete Material wieder weiter zu nutzen und es von vornherein auch genau dafür zu konzipieren.

Wir haben ein Materialproblem,
kein Energieproblem.

Nora Sophie Griefahn

Geschäftsführende Vorständin der Cradle to Cradle NGO

Ein anderer Kritikpunkt ist, dass die Idee zwar schön ist, aber vollkommen unrealistisch. Wie soll eine ganze Welt also am Ende müllfrei werden. Was entgegnen Sie dem?
Ich finde das gar nicht unrealistisch, weil es für mich nach logischen Maßstäben die einzige Möglichkeit ist, all das auf Dauer zu erhalten, was uns als Spezies Mensch ausmacht. Die Natur kennt keinen Müll, warum also wir? Die Natur kennt zwar Abfall, wie die fallenden Blätter im Herbst, doch der kehrt immer wieder als Nährstoff in den Kreislauf zurück. Und genau so werden wir irgendwann unser Leben gestalten müssen. Es wird zudem gerne das Argument gebracht, dass das alles enorme Energie kostet. Aber diese Energie haben wir ja. Wir haben unendlich Energie, die von der Sonne jeden Tag auf die Erde strahlt. Wir müssen diese nur ausreichend nutzen. Wir haben ein Materialproblem, kein Energieproblem. Materie verschwindet nicht einfach – wir müssen sie nur besser managen und zirkulieren lassen.

Liebe Frau Griefahn, vielen Dank für das Gespräch.

Nora Sophie Griefahn arbeitet als geschäftsführende Vorständin der Cradle to Cradle NGO seit 2012 durch Bildungs- und Vernetzungsarbeit daran, dass die Cradle to Cradle Denkschule in die Mitte der Gesellschaft gelangt. In ihrer Arbeit entwickelt sie Strategien zur Ausweitung der gesamtgesellschaftlichen Wirkung der C2C NGO und des schnellen Wachstums der Organisation gemeinsam mit einem Team in Berlin und mehr als 800 ehrenamtlich Aktiven im deutschsprachigen Raum.

Weitere Informationen unter c2c.ngo

Dieses Interview ist zunächst in Bank & Umwelt Nr. 85 erschienen.

Zum Kundenmagazin der UmweltBank